Bio-Rindfleisch: Vom Hof zum Supermarkt

Landschaftspfleger, Milch- und Fleischlieferanten auf vier Beinen: Rinder und Kühe erfüllen mehrere wichtige Aufgaben in der ökologischen Landwirtschaft. Um heimische Rinderhalter zu fördern, startet die Vereinigung Ökologischer Landbau (VÖL) nun ein Projekt, dass die Vermarktungswege für ökologisch produziertes Rindfleisch aus Nordhessen verbessern soll. Foto: privat

Werra-Meißner. Unter dem Motto „Echt hessisch" wollen das Land Hessen und einige Marketing- und Landwirtschaftsverbände den Verkauf von Bio-Rindfleisch aus Nordhessen fördern. Dazu hat die Vereinigung Ökologischer Landbau (VÖL) mit Sitz in Witzenhausen nun ein Projekt gestartet. Wir sprachen mit Koordinatorin Anneke Jostes.

Frau Jostes, die Nachfrage nach Bio-Rindfleisch nimmt zu, trotzdem können die Bio-Bauern Fleisch oft nicht zu angemessenen Preisen vermarkten. Wie passt das zusammen?

Jostes: Viele Menschen kaufen zunehmend Bio-Produkte im Supermarkt. Allerdings machen die Märkte ihren Einkauf zentral, daher nehmen sie nur große Mengen ab. Diese können viele Bio-Betriebe, die oft nur im Nebenerwerb Rinder halten, nicht liefern. Hier gibt es eine Lücke in den Vermarktungs-Strukturen.

Ein Direktverkauf im Hofladen ist sehr aufwändig, das kommt nur für wenige Landwirte in Frage. Deshalb verkaufen einige ihre Tiere auf konventionellem Weg an Viehhändler, obwohl sie sich wegen ihrer Haltungsbedingungen sogar als Bio-Betrieb zertifizieren lassen könnten. Doch das lohnt sich bisher wirtschaftlich für sie nicht.

Könnte man nicht Bio-Rindfleisch von mehreren Landwirten zusammenkaufen und dann an die Märkte abgeben?

Jostes: Solche Strukturen gibt es teilweise, die Verbindung zwischen Landwirt und Vermarkter fehlt aber noch allzu oft. Ein Ziel des Projektes ist, sie zusammenzubringen.

Würden Verbraucher überhaupt die Preise zahlen, die ein Bio-Landwirt für sein Fleisch verlangen müsste?

Jostes: Die Supermärkte sagen, sie würden sofort mehr Bio-Rindfleisch verkaufen können. Die Verbraucher verstehen zunehmend, dass es einen Preis hat, wenn man Fleisch von einem Tier essen will, das ein gutes Leben hatte. Das gilt übrigens auch für Geflügel und für Schweinefleisch.

Warum konzentrieren Sie sich dann auf Rindfleisch?

Jostes: Rinder können aus Gras Milch und Fleisch erzeugen und erhalten durch das Beweiden von Grünland unsere Kulturlandschaft. Geflügel und Schweine brauchen hochwertiges Eiweißfutter, das extra angebaut werden muss. Das ist zwar ökologisch möglich, aber das Rind hat als Raufutterverwerter einen besonderen Stellenwert.

Es gibt einige Kritik an der Ökobilanz von Rindfleisch: Es werde viel Fläche und Wasser verbraucht, um Rinder schlachtreif zu füttern. Bei der Verdauung produzieren sie klimaschädliches Methan. Warum setzen Sie trotzdem auf Rinder?

Jostes: Unter anderem, weil in Nordhessen bei der ökologischen Rinderzucht kein Wald abgeholzt werden muss: Die Tiere beweiden bestehende Wiesen und verhindern, dass die Landschaft verbuscht. Der Import oder der Anbau von Hochleistungsfutter mit Hilfe von Dünger ist ökologisch viel problematischer. Wer sich dafür interessiert, dem kann ich Anita Idels Buch „Die Kuh ist kein Klima-Killer“ empfehlen.

Außerdem ist der Ernährungsstil entscheidend: Wenn wir täglich sehr viel Fleisch essen würden, wäre das bedenklich. Wenn man aber nur ein bis zweimal die Woche hochwertiges Fleisch isst, kann das ökologisch sinnvoll sein, weil die Tiere als Teil des Kreislaufsystems auf vielen Bio-Höfen ohnehin gehalten werden.

Wie sieht Ihr Projekt aus?

Jostes: Wir analysieren zuerst die Lage: Wie viele Rinder haben die Bio-Bauern hier? Wo werden sie verarbeitet? Wie werden sie vermarktet? Anhand dieser Daten wollen wir Vertrieb, Verarbeitung und Vermarktung besser aufeinander abstimmen. Dazu rufen wir alle zum Mitmachen auf, die an der Lieferkette vom Rind zum Verbraucher beteiligt sind. Wer weiß, vielleicht befinden sich ein Abnehmer, etwa eine Großküche, und ein Bio-Betrieb, der die passende Menge liefern könnte, nahe beieinander und die beiden wissen nur noch nichts davon.

Können nur Bio-Betriebe teilnehmen?

Jostes: Für den Handel ist die Zertifizierung als Bio-Betrieb sehr wichtig. Es können sich aber auch Betriebe melden, die schon ökologisch wirtschaften, aber noch kein Zertifikat haben. Auch konventionelle Betriebe, die umsteigen wollen, können sich beraten lassen.

Das Projekt braucht noch Teilnehmer:

Rinderzüchter und -halter, Schlachthöfe, Fleischereien, Anbieter und Verbraucher, die Interesse an ökologisch produziertem Rindfleisch aus Nordhessen haben, können sich an dem Projekt beteiligen. Es ist auf drei Jahre angelegt. Eine Meldefrist gibt es zwar nicht, trotzdem sollten sich Interessierte zügig melden. „Wir wollen die Abläufe praxisnah verbessern“, sagt Koordinatorin Anneke Jostes.

Kosten entstehen für die Teilnehmer keine, das Projekt wird finanziert vom Hessischen Landwirtschaftsministerium und getragen von der Vereinigung Ökologischer Landbau in Hessen. Zunächst konzentriert es sich auf Nordhessen, soll aber später auf Mittelhessen ausgeweitet werden.

Kontakt: Anneke Jostes, Tel. 01 74 / 4 84 93 07, E-Mail: aj@voel-hessen.de

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