Ehemaliger Soldat berichtet in Buch „Ich hatte einen Schießbefehl“ über das System DDR

„Ich hatte einen Schießbefehl“: Erlebnisse eines Grenzers

Bad Sooden-Allendorf. „Wo früher Grenzdienst geschoben wurde, wird heute Fußball gespielt“, sagt Paul Küch und meint den heutigen Sportplatz im thüringischen Asbach-Sickenberg.

Diese Begebenheit und die Rückkehr nach Asbach mehr als 20 Jahre nach Öffnung der Grenze haben Paul Küch letztendlich inspiriert, ein Buch über seine teilweise traumatischen Erlebnisse als DDR-Grenzsoldat zu schreiben.

Das Buch mit dem Titel „Ich hatte einen Schießbefehl“ wurde kürzlich auf Einladung von Stefan Heuckeroth-Hartmann vom Arbeitskreis Grenzinformation des Grenzmuseums Schifflersgrund in der Balzerbornklinik Bad Sooden-Allendorf vorgestellt.

Küch beschreibt, wie er zunächst wohlbehütet in einem kleinen Dorf im Brandenburgischen aufwuchs und den vorgezeichneten Weg zu einer sozialistischen Persönlichkeit nimmt. Um studieren zu können, musste er nach dem Abitur als 19-Jähriger zunächst den Grundwehrdienst bei den Grenztruppen der DDR absolvieren. „Diese 18 Monate Grundwehrdienst haben mich geprägt und sichtlich Spuren hinterlassen. Ich bin froh, dass ich meine Erlebnisse in allen grausamen Einzelheiten darstellen kann und sich der Kreis für mich schließt“, so Küch.

Der ehemalige Grenzer nimmt bei seinen Ausführungen kein Blatt vor den Mund, schildert den Umgang mit dem angeblich nicht existierenden Schießbefehl und offenbart dabei schonungslos seine eigenen menschlichen Schwächen. Hierbei berichtet er sehr emotional von der Abschiedsfeier eines Vorgesetzten, der sich die lebendige Musikbox wünschte. Hierbei wurde ein Grenzer in einen Spind gestellt. Der Vorgesetzte durfte sich nach Einwurf eines Geldstückes ein Lied auswählen, was der Eingesperrte dann vorsingen musste. Klappte es nicht, fiel der Schrank auch schon mal um.

Auch las er eine Passage von der „Acht Stunden Schweigeschicht“ vor, bei der er als Gruppenführer agierte. Er beschrieb detailgetreu, wie jeder Ansatz, seinen Grenzkollegen zum Reden zu bringen mit endlosem Schweigen beantwortet wurde. Er las vor, welche Gedanken in ihm vorgingen und wie der psychische Druck in ihm stündlich anwuchs. Zum Ende der „Schweigeschicht“ war er zu allem bereit, um sein eigenes Leben zu retten. Mit der Kalaschnikow in der Hand ergriff er schließlich die Flucht vor dem eigenen Kollegen.

Nach der Lesung, die mit zahlreichen Bildern von früher und heute ergänzt wurde, lobte Heuckeroth-Hartmann die eindrucksvolle und emotionale Darstellung von Küch: „Sie zeigen die wahren Erlebnisse eines kleinen Grenzers in ungeschminkter Art und Weise. Das Buch „Ich hatte einen Schießbefehl“ hat 416 Seiten und kostet 19,80 Euro. (znb)

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