Mittelalterliche Töpfereien am Faulbach entdeckt

An der Fundstelle: Hier im Faulbach entdeckte die Trubenhäuserin Kornelia Stenzel, hier mit dem Wirtschaftsarchäologie-Kollegen Thomas Blumenstein, die Hinweise auf eine über 800 Jahre alte Töpferei. Foto: K. Sippel / nh

Großalmerode. Diese jüngsten Entdeckungen könnten die Geschichtsschreibung der alten Tonstadt verändern. Im Faulbach wurden Hinweise auf eine über 800 Jahre alte Töpferei entdeckt.

War der einstige Ort Niederalmerode der bedeutendere Siedlungsplatz gegenüber Großalmerode und vielleicht sogar der ältere der beiden Orte im oberen Gelstertal? Und bestand der Ort Großalmerode, der 1775 erst zur Stadt wurde, um 1200 überhaupt schon? Diese Fragen wirft Bezirksarchäologe Dr. Klaus Sippel (Marburg) jetzt in einem Aufsatz über eine neu entdeckte mittelalterliche Töpferei bei Großalmerode auf. Er ist im jüngsten Jahrbuch für Archäologie und Paläontologie in Hessen, der „hessenArchäologie 2014“ auf fünf Seiten veröffentlicht.

Niederalmerode, gut einen Kilometer gelsterabwärts vom Zentrum Großalmerodes beim Ost-Bahnhof verortet, war erstmals um 1376 als schon wüst liegend erwähnt worden. Großalmerode hingegen, das erstmals indirekt um 1376 und direkt 1386 genannt wird, könnte nach der 1969 veröffentlichten Ansicht des Witzenhäuser Stadtarchivars Karl August Eckhardt erst im 13. Jahrhundert oder nicht wesentlich früher gegründet worden sein. Und vermutlich lag im Hochmittelalter auch gar keine Töpferei innerhalb von Großalmerode, sofern es das also überhaupt schon gab.

Vielmehr befand sich, wie Experte Sippel aufgrund neuester Funde und Erkenntnisse schlussfolgert, im Tal des Faulbachs in Richtung Epterode ein bedeutendes Zentrum der hochmittelalterlichen nordhessischen Töpferei. Bei der Stadt des guten Tons, so sagt er, gibt es jetzt gesicherte Funde der ältesten Keramikproduktion.

Zunächst war nur vor 1986 am südlichen Ortsausgang Großalmerodes beim Bau des Parkplatzes eines Einkaufsmarktes eine Töpferei nachgewiesen worden. Diese muss zwischen dem späten 12. und der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts in Betrieb gewesen sein. Nun entdeckte die Trubenhäuserin Kornelia Stenzel, die sich für die Wirtschaftsgeschichte und -archäologie Großalmerodes interessiert, bei einer Geländebegehung im Faulbach zwischen Großalmerode und Epterode 2013 mehrere tausend mittelalterliche Keramikscherben und andere Tonerzeugnisse, von denen ein Teil auf eine Töpfereistelle deutet. Dieser Handwerksbetrieb muss, wie die Auswertung der Bezirksarchäologie ergab, bereits um 1200 gearbeitet haben.

2014 stieß Stenzel zur Freude Sippels dann 240 Meter bachabwärts neben dem Gewässer erneut auf rund 60 hochmittelalterliche Scherben und zudem ein kleines Stück Ofenlehm. Diese Zeugnisse weisen Untersuchungen des Archäologen zufolge eine weitere, also dritte Töpferei am Faulbach nach. Diese ist vollständig zerstört und nur durch viele auf Halde gekippte Scherben erkennbar.

Ausgehend von drei am Faulbach „wie Perlen auf einer Schnur“ aufgereihten, offenbar mehr oder weniger gleichzeitigen Töpfereien aus der Frühzeit der dort betriebenen Keramikproduktion kann sich Sippel vorstellen, dass noch eine vierte in einigen hundert Metern Entfernung noch weiter oberhalb im Stadtteil Faulbach gelegen hat. Dafür gibt es aber noch keine konkreten Spuren.

Hintergrund:Kinderrassel, Kugeltöpfe und Spinnwirtel

Fast 3000 keramische Einzelstücke sammelte Kornelia Stenzel an der Fundstelle auf. Überwiegend sind es Gefäßscherben aus hellbrauner und hellgrauer Irdenware, einige davon mit Glasur, wie Bezirksarchäologe Dr. Klaus Sippel die Funde beschreibt. Ein Teil davon gehört zum Produktionsspektrum der Töpferei, andere sind neuzeitlich und lagen zufällig auch im Bach.

Viele Scherben stammen von Miniaturgefäßen. Eines ist vollständig erhalten, flaschenförmig und lässt eine im Bauch eingeschlossene kleine Kugel erklingen, war also eine Rassel. Fünf kleine Tíerfiguren waren ebenfalls als Kinderspielzeug gedacht.

Hauptsächlich wurden aber wohl Gebrauchsgefäße hergestellt: Kugeltöpfe, Tüllenkannen, Dreibeintöpfe, aber auch Spinnwirtel und gebrannte Tonwürste, die vielleicht als Stapelhilfen im Brennofen verwendet wurden.

Schmuckstücke dürften dann größere figürliche Gießgefäße, sogenannte Aquamanilen, gewesen sein. Fotos davon sind in dem Jahrbuch abgedruckt.

Buchtipp:„hessenArchäologie 2014“, das Jahrbuch für Archäologie und Paläontologie in Hessen, herausgegeben vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen, erschienen im Konrad-Theiss-Verlag Darmstadt, 246 Seiten mit 332 Abbildungen, ISBN 978-3-8062-3203-5, erhältlich im Buchhandel für 24,90 Euro.

Der Aufsatz von Dr. Klaus Sippel über „Eine neu entdeckte mittelalterliche Töpferei bei Großalmerode“ steht auf den Seiten 142 bis 146.

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