Freistellung nach Kündigung: Sekretärin klagte gegen Lichtenau e.V.

Schauplatz des Konflikts: Die Orthopädische Klinik in Hessisch Lichtenau, Kernstück von Lichtenau e. V., war Arbeitsplatz von Bettina Hofmann. Foto: zgg

Hessisch Lichtenau. Monate zog sich der Prozess zwischen Lichtenau e.V. und Bettina Hofmann vor dem Arbeitsgericht Kassel hin.

Die Sekretärin des früheren Ärztlichen Direktors Dr. Rafael Sambale wurde suspendiert, weil sie ihm zur Konkurrenz folgen wollte. Sie klagte auf Weiterbeschäftigung bis zum Vertragsende, kündigte aber schließlich selbst fristlos.

Versuchter Datendiebstahl, ein fingierter Telefonanruf, Überwachung und Hausverbot: Große Vorwürfe begleiteten den Arbeitsgerichtsprozess zwischen Bettina Hofmann und Lichtenau e.V., der am vergangenen Donnerstag mit einem nüchternen Vergleich endete. Die Chefsekretärin des früheren Ärztlichen Direktors Dr. Rafael Sambale erhält eine Abfindung in Höhe von 5000 Euro und ein „wohlwollendes Arbeitszeugnis“. Außerdem verpflichten sich beide Parteien, die gegenseitigen Anschuldigungen fallen zu lassen. Was war passiert?

Die Freistellung

Mit einem Vorlauf von sechs Monaten hatte Bettina Hofmann ihren Vertrag mit Lichtenau e.V. zum 31. Dezember gekündigt. Für alle war klar, dass sie ihrem Chef folgen wollte, dessen Wechsel zur Orthopädischen Klinik Vitos in Kassel bevorstand. Nachdem die 45-Jährige zunächst normal weiter arbeitete, wurde sie Ende Juli zum Personalgespräch gebeten. Stefan David, Kaufmännischer Vorstand von Lichtenau e.V., teilte ihr mit, dass sie fortan vom Dienst suspendiert sei. Der Zugang zu ihrem Computer werde ihr nur noch unter Aufsicht gewährt und beim Betreten des Geländes habe sie sich an der Pforte zu melden.

Der „Datendiebstahl“

Als Begründung für die Freistellung wurde Bettina Hofmann ihr geplanter Wechsel zur Konkurrenz und ein damit verbundener Loyalitätskonflikt genannt. Konkret war Folgendes vorgefallen: Die 45-Jährige hatte bei der Controlling-Abteilung eine Liste mit Patientendaten rückwirkend ab Januar 2012 angefordert, die an einer Studie zu Implantaten teilgenommen hatten. Das stufte die Geschäftsleitung als Risiko ein: Hofmann könnte wichtige Daten wie Anschrift und Krankengeschichte von Patienten zur Konkurrenz mitnehmen.

Der „fingierte Anruf“

Mitte September kündigte Bettina Hofmann ihr Arbeitsverhältnis fristlos. Auslöser war ein nach ihrer Darstellung angeblich fingierter Telefonanruf auf ihrem Privathandy seitens der Leitung von Lichtenau e.V., um sie zu illoyalem Verhalten anzustiften. Ein Patient, der von Dr. Sambale noch in Hessisch Lichtenau operiert worden war, habe ihr Informationen zum Dienstantritt Sambales bei Vitos und zu OP-Terminen bei ihm in Kassel entlocken wollen. Die Herausgabe solcher Informationen hätte von Lichtenau e.V., Hofmanns Noch-Arbeitgeber, als Vertragsbruch gewertet werden können.

Der Prozess

Alle Vorwürfe spielten am Ende nur eine untergeordnete Rolle. Richterin Sandra Langhoff betonte, dass sie im Falle eines Urteils die Freistellung Bettina Hofmanns als übertriebene Sicherheitsmaßnahme des Arbeitgebers und somit als rechtswidrig angesehen hätte. Unzureichend seien die Beweise für den fingierten Anruf gewesen, der Hofmanns spätere fristlose Kündigung ausgelöst hatte. Da die Richterin aber kein Urteil fällte, weil beide Parteien einen Vergleich wollten, wurde dies nicht weiter aufgeklärt.

Das sagt Bettina Hofmann

„Freistellung war eher eine Festnahme“

Seit November arbeitet Bettina Hofmann als Chefsekretärin von Dr. Sambale bei Vitos in Kassel. Aus der Kirche ist sie ausgetreten. Den Glauben an die christlichen Werte habe sie verloren, sagt sie. Trotzdem will sie das, was passiert ist, nicht einfach auf sich beruhen lassen. Ihr ist es wichtig, öffentlich zu machen, wie die diakonische Einrichtung Lichtenau e.V. mit ihren Mitarbeitern umspringe. „Über 15 Jahre habe ich für Lichtenau e.V. gearbeitet. Und dann hat man mich plötzlich behandelt wie eine Schwerverbrecherin. Dabei habe ich mir nichts zu schulden kommen lassen. “ Den Vorwurf, sie habe Patientendaten abgerufen und möglicherweise zur Konkurrenz mitnehmen wollen, weist sie von sich. „Es ging nur darum, eine medizinische Studie zu vervollständigen. Ich habe da auf Anweisung meines Vorgesetzten Dr. Sambale gehandelt.“ 

Am schlimmsten aber sei der demütigende, diskriminierende Umgang mit ihr nach der Freistellung gewesen. Hofmann berichtet, sie sei regelrecht bewacht worden, als sie ihre Sachen packte, und sie habe weder in Ruhe telefonieren noch auf die Toilette gehen können. „Immer war jemand in der Nähe und beobachtete mich.“ Nur mit Mühe sei es ihr gelungen, noch persönliche Mails und Termine aus ihrem Kalender zu löschen. Die „entwürdigende Behandlung “ seitens ihres Arbeitgebers, die brodelnde Gerüchteküche um ihre Person und die seelische Belastung, die sie auch körperlich krank gemacht habe, waren für Bettina Hofmann der Antrieb, vor Gericht und an die Öffentlichkeit zu gehen. Um Geld sei es ihr nicht gegangen, sagt sie. Ihr Gehalt habe Lichtenau e.V., wie bei Freistellungen üblich, weiter überwiesen.

Das sagt Lichtenau e.V.

Suspendierung diente dem Schutz aller“

Laut Stefan David, Kaufmännischer Vorstand von Lichtenau e.V., lagen die Gründe für die Suspendierung von Bettina Hofmann auf der Hand: „Anlass war eine komplexe Datenabfrage an das Controlling mit Patientendaten über den Zeitraum mehrerer Jahre. Solch eine Abfrage darf zum Schutz der Patienten und der Klinik nie nach außen dringen.“ David wolle ihr zwar nicht unterstellen, dass dies beabsichtigt war. Die Abfrage habe aber einen drohenden Loyalitätskonflikt zwischen Hofmann und der Einrichtung verdeutlicht. „Zum Schutz der Mitarbeiterin, der Einrichtung und der Persönlichkeitsrechte der Patienten ist in solchen Fällen eine Freistellung bei Beibehaltung aller Bezüge die beste Maßnahme für alle Beteiligten“, so David. Mit diesem Schritt habe sich Lichtenau e.V. im Interesse aller solange wie möglich zurückgehalten. 

Zum angeblich durch Lichtenau e.V. initiierten Telefonanruf sagt Pressesprecher Nicolai Ulbrich: „Von einem solchen Anruf haben wir keine Kenntnis. Es wäre auch nicht nötig gewesen, Frau Hofmann auf diese Art ein illoyales Verhalten nachzuweisen, weil uns Beweise dafür bereits aus anderen Quellen vorlagen.“ Unter anderem hätten Ulbrich mehrere Ärzte der Lichtenauer Orthopädie persönlich berichtet, Bettina Hofmann habe ihnen vorgeschlagen, auch zur Orthopädischen Klinik Vitos zu wechseln. Zu der von Bettina Hofmann bemängelten demütigenden Behandlung sagt Ulbrich: „Frau Hofmann hatte nach ihrer Freistellung selbstverständlich die Möglichkeit, allein zu telefonieren, Gespräche zu führen und aufs WC zu gehen. Einzig an ihren PC durfte sie nicht mehr ohne Aufsicht.“

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