Nicht allein mit der Trauer

Nicht einfach abstellbar: Trauer ist individuell und kann auf unterschiedliche Arten zum Ausdruck gebracht werden. Innerhalb eines Trauerjahrs hat man sie jedoch selten bewältigt. Symbolfoto:  dpa

Hessisch Lichtenau. 68-Jährige fand nach Tod ihres Mannes Trost bei Begegnungscafé des Hospizvereins.

Hessisch Lichtenau. Sonntag ist für Brigitte Michalski* der schlimmste Tag der Woche. „Sonst gehe ich einkaufen, treffe Freunde und Bekannte, aber sonntags ist jeder bei seiner Familie - wenn man dann allein spazieren gehen muss, ist das schon hart.“

Seit ihr Mann vor drei Jahren an Kehlkopfkrebs starb, besucht die 68-Jährige sonntags jedoch regelmäßig das Begegnungscafé des Ambulanten Hospizdiensts Großalmerode/Hessisch Lichtenau. Es tut gut zu sehen, dass man mit seinem Leid nicht allein ist, sagt die Lichtenauerin. „Man hat seine Trauer eben nicht innerhalb des Trauerjahrs überwunden.“

Der Schock saß tief, als die Lichtenauerin und ihr Mann 2008 die Diagnose erfuhren. „Aber dann waren wir schnell optimistisch, weil es eine neue Behandlungsmethode gab, bei der mein Mann seinen Kehlkopf behalten konnte.“ Doch die Behandlung ist sehr hart, einer starken Chemotherapie folgen 45 Bestrahlungen. „Aber mein Mann war ein Kämpfertyp“, sagt die 68-Jährige und erinnert sich an die Hochzeit ihres Sohnes. Obwohl sie ihrem Mann mehrfach den Hals neu verbinden muss, feiert er das Ereignis bis nachts um halb drei mit. Sogar nach Australien reist das Paar noch, um den Sohn, der dort eine Zeit lang lebt, für drei Wochen zu besuchen.

Doch die ständige Bestrahlung zeigt nach knapp drei Jahren Folgen - zwei schlimme Jahre nehmen ihren Lauf: „Gefäße und Gewebe waren vollkommen zerstört, die Haut war wie Papier und riss ständig auf.“ Der Kehlkopf, der nur noch ein harter Klumpen ist, muss in einer Not-OP schließlich doch entfernt werden. Das Gewebe ist so zerstört, dass Brigittes Ehemann danach nicht mehr sprechen kann. „Anfangs hat er noch viel aufgeschrieben, doch es fiel ihm körperlich immer schwerer“, erinnert sich die Witwe, die noch viele Blöcke voll Nachrichten ihres Mannes hat.

In diesen zwei schlimmen Jahren geht es Brigittes Mann mehrfach so schlecht, dass sie denkt, er stirbt: Er hat fünf Blutstürze. „Einmal hat mich der Notarzt tatsächlich gefragt, ob er noch was machen soll. Da bin ich ausgeflippt, wir haben doch um jeden gemeinsamen Tag gekämpft!“

Doch wenn Brigitte die Glasschale mit den Kerzen anschaut, erhellt sich ihr Blick: „Die haben wir an unserem letzten schönen Nachmittag auf dem Bauernmarkt in Hann. Münden gekauft.“ Bald geht es ihrem Mann aber immer schlechter, bis er nach einem weiteren Blutsturz samt Hirnschlag stirbt.

Brigitte, die nah am Wasser gebaut ist und bei jedem traurigen Film sofort anfängt zu weinen, vergießt keine Träne. „Du denkst, du machst was falsch, hast deinen Mann nicht richtig geliebt, kriegst ein schlechtes Gewissen.“ Doch dank vieler Gespräche beim Begegnungscafé weiß sie: „Beim Trauern gibt es kein Richtig und kein Falsch.“

* Die Trauernde möchte anonym bleiben. Ihr Name wurde von der Redaktion geändert.

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