Jagd ist problematisch

Bauern sorgen sich wegen hoher Graugans-Bestände im Kreis

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Machen sich gerne über frisch aufgelaufene Saat her: Graugänse. Landwirte, Jäger und auch Naturschützer beobachten den wachsenden Bestand der Tiere im Kreis mit Sorge.

Werra-Meissner. Die steigende Zahl der Graugänse im Werra-Meißner-Kreis macht den Bauern zu schaffen. Dank der milden Winter fliegen die Zugvögel nicht mehr Richtung Mittelmeer, sondern überwintern vor allem am Werratalsee, am Meinhardsee und im Naturschutzgebiet Freudenthal bei Witzenhausen.

Im Winter leben hier laut Ornithologe Wolfram Brauneis 450 bis 600 Grau- und Nilgänse.

Auf den nahen Feldern richten die Gänse deutliche Schäden an, bestätigt Uwe Roth, Geschäftsführer des Kreisbauernverbands. 2015 sei der Schaden auf 40.000 Euro im Bereich der Werra-Aue geschätzt worden. Die Tier fressen vor allem das frische Grün, also die keimenden Pflanzen, auf den Feldern. Das sei vor allem bei eintriebigen Pflanzen wie Mais und Zuckerrüben ein Problem, sagt Roth. „Wenn die Gänse diese Triebe aus dem Boden ziehen, muss das Feld neu eingesät werden.“ Bei Getreidepflanzen mit mehreren Trieben müssten die Bauern zumindest mit Ernteeinbußen rechnen.

Warum die Jagd auf Gänse problematisch ist, erklären wir in Fragen und Antworten.

Wie kann die Zahl der Gänse eingedämmt werden?

Da ist in Hessen nur die Jagd erlaubt, so Kreis-Sprecher Jörg Klinge. „Andere Maßnahmen wie das Ausnehmen der Gelege sind nicht zulässig.“

In den Niederlanden trieb man zuletzt flugunfähige junge Graugänse zusammen und vergaste sie mit Kohlendioxid, um den Bestand zu verkleinern. Seit einem Jagdverbot auf Graugänse stieg ihre Zahl von 1985 bis 2011 um 2000 Prozent, so eine Statistik des Deutschen Jagdverbands. „Solche Zustände wollen wir hier auf keinen Fall“, betonen Uwe Roth vom Kreisbauernverband und Rainer Stelzner vom Jagdverein Hubertus Eschwege.

Wolfram Brauneis (Hessische Gesellschaft für Ornithologie) schlägt vor, den Gänsen „Ablenkungsflächen“ in den Werra-Auen anzulegen, die regelmäßig gemäht oder beweidet werden. „Die Gänsescharen werden die kurzrasigen Wiesen aufsuchen und so weniger die Getreidefelder.“

Kann man die Gänse nicht verscheuchen?

Nein, sagt Roth. Einige Landwirte im Werratal hätten versucht, die Gänse mit Böllern oder Flugdrachen zu vertreiben. „Aber die sind schlau: Die wissen schnell, wann ihnen wirklich Gefahr droht, und bleiben dann einfach sitzen“, sagt Roth.

Das Verscheuchen könne - ebenso wie die Jagd - laut Naturschutzreferent Thomas Norgall vom BUND sogar für noch größere Schäden sorgen: „Die Tiere fliegen auf, verbrauchen dabei Energie und fressen dann später mehr als wenn man sie in Ruhe lässt.“

Warum ist die Jagd auf Graugänse problematisch?

Jäger dürfen nur auf Gänse schießen, wenn sichergestellt ist, dass keine Unbeteiligten durch Kugeln verletzt werden, die ihr Ziel verfehlen, erklärt Stelzner. Viele Gänse lassen sich allerdings auf stehenden Gewässern nieder, in deren Umgebung häufig Spaziergänger, Jogger oder Radfahrer unterwegs sind. Die Jagd mit Schrot, die für weniger verirrte Kugeln sorgen könnte, sei bei Gänsen schwierig. „Dazu darf man höchstens 35 Meter von der Gans entfernt sein, weil sonst die Tötungswirkung der Munition nicht mehr gewährleistet ist.“ Einer Graugans so nahe zu kommen, sei aber sehr schwierig.

Warum dürfen Graugänse nur vom 1. August bis 31. Oktober gejagt werden?

Noch vor wenigen Jahren waren Graugänse vom Aussterben bedroht, sagt Roth. Deshalb sei die Jagd stark eingeschränkt worden. Der Umstand, dass die Population seit ein paar Jahren stark wächst, wurde noch nicht ins Jagdrecht aufgenommen. „Nur wenn die Jagdzeit generell bis zum 15. Januar ausgedehnt würde, haben wir Jäger eine Chance, der Lage Herr zu werden“, sagt Stelzner.

Ab Mitte Januar werden die ersten Zugvögel im Kreis erwartet. Dann dürfen Graugänse auf keinen Fall mehr gejagt werden, weil die Verwechslungsgefahr zu groß sei, so Klinge. „Außerdem beginnt später die Brutzeit.“

Müssen Jagdpächter für Schäden aufkommen, die Gänse anrichten?

„Nein“, heißt es von der Unteren Jagdbehörde. Jagdpächter müssten nur Schäden ersetzen, die von Schalwild (also etwa Rehen und Wildschweinen), Wildkaninchen und Fasanen verursacht werden. Die Bauern bleiben daher auf den Schäden sitzen. 

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