Manfred Baumgardt: Arbeit über die Judenverfolgung

Neues Buch über das Schicksal der Witzenhäuser Juden

Ab November 1938 wurden viele Geschäftsleute in Witzenhausen gezwungen, ihre Läden zu schließen. Binnen weniger Wochen musste eine Inventurliste erstellt werden. Die Kaufleute warben mit Inventurverkäufen in der Zeitung.

Witzenhausen. Auch die alteingesessenen Witzenhäuser Juden liebten ihre Heimatstadt: Dieser Satz steht auf dem Titelblatt der Arbeit des Berliner Historikers Manfred Baumgardt (66), der Sohn eines Musiklehrers aus Hundelshausen ist und per Zufall auf das Thema der Judenverfolgung in der Region stieß.

Am früheren Standort der 1938 zerstörten Synagoge (später Kreis- und Stadtkrankenhaus) entdeckte er einen Gedenkstein.

Die Zahl der Israeliten, so der damalige Sprachgebrauch, lässt sich für die 30er-Jahre nicht genau ermitteln: Sie schwankt zwischen 111 und 160 bei einer Gesamteinwohnerzahl von etwas über 5000. Schon 1934 sank die Zahl unter 100. Witzenhausen hatte einst eine bedeutende jüdische Gemeinde und war Sitz des Landesrabbiners.

Der Wissenschaftler Baumgart hat in seiner mehrjährigen Arbeit Akten, vor allem aber Zeitungsausschnitte ausgewertet und zudem Zeitzeugen befragt. Dabei erwies sich das Kreisblatt als Fundgrube: Dass die Lebensbedingungen für die Juden ab 1933 stetig immer schwieriger wurden, drückt sich nicht nur in Meldungen der Redaktion, Aufrufen und amtlichen Bekanntmachungen aus, sondern auch in Zeitungsanzeigen.

Einige Beispiele: Schon am 28. März 1933 verbot der damalige Landrat Dr. Beckmann via Bekanntmachung das Schächten von Vieh nach jüdischem Ritus - angeblich zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung. Angekündigt wird der Boykott aller jüdischen Geschäfte an einem Samstagvormittag. Die Zeitung berichtet auch darüber, dass Plakate durch die Straßen der Stadt getragen wurden: "Kauft nicht beim Juden!"

Schon am 30. April 1933 wird die Auflösung der jüdischen Schule gemeldet, die keine Daseinsberechtigung mehr habe. Später werden jüdische Kinder auch von der städtischen Schule verbannt. 1938 hieß es: "Deutsche Schulen Judenfrau." Berufsverbote für Juden in vielen Gewerben, so für den angesehenen Notar Max Edinger, Enteignung von Häusern und Geschäften, Verweigerung von Dienstleistungen waren weitere traurige Stationen auf dem Weg, den jüdischen Mitbürgern "systematisch die Lebensgrundlagen zu entziehen" (so der Autor).

Aus den umfangreichen Hinweisen in der Zeitung leitet Baumgardt die These ab, dass die Bevölkerung damals sehr wohl etwas über das Schicksal der Witzenhäuser Juden wissen musste: "Wer es wissen wollte, konnte es also lesen." Daraus leitet sich auch der Titel der Arbeit ab: Es stand alles in der Zeitung. Damit meint der Autor allerdings auch die Anfänge des Nationalsozialismus.

Anzunehmen, dass die Lokalblätter in anderen Städten und Kreisen sich ebenfalls von den Nationalsozialisten für ihre Zwecke einspannen ließen.

Baumgardt macht einen Rundgang durch die Stadt und skizziert die Häuser und Geschäfte der jüdischen Mitbürger: Einst bedeutende Namen wie Wahler, Kugelmann, Katzenstein und Nathan kennt man heute allenfalls noch aus Geschichtsbüchern. 8. Dezember 1941: Mit einem aus Göttingen kommenden Personenzug werden zu früher Morgenstunde 43 jüdische Mitbürger nach Kassel deportiert, als Reisende mit Gepäck getarnt. Im Bundesarchiv Berlin stieß Baumgardt bei seinen Recherchen auf ein Gedenkbuch, in dem 80 ermordete Männer, Frauen und Kinder aus Witzenhausen genannt werden.

Der Arbeit des Historikers ist es zu verdanken, dass man jetzt über das Schicksal der meisten Juden aus der Stadt etwas weiß: Sie starben in den Lagern von Theresienstadt, Auschwitz, Treblinka und anderen berüchtigten Orten. Prof. Dr. Dietfried Krause-Vilmar (Universität Kassel) bewertet Baumgardts Arbeit so: Er habe das Wissen um jeden einzelnen in Witzenhausen lebenden Juden wiederhergestellt und die gesellschaftlichen Umstände der Verfolgung, Entrechtung und Ermordung dokumentiert. „Das jüdische Leben in der Stadt ist unwiederbringlich verloren!“

Info:  Manfred Baumgardt, Es stand alles in der Zeitung, Witzenhausen in der Zeit des Terrors, 1933-1945, Book on Demand, Hamburg 2013, 212 Seiten, 21,90 Euro. Zu erwerben beim Geschichtsverein, Ingrid Breiding, Tel. 0 55 42/28 20 oder Eckhard Rohde, Tel. 0 55 42/39 75.

Von Werner Keller

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