Heute mehr Menschen süchtig als noch vor 25 Jahren

Suchtberater Ekkehardt Sponsel erläutert, warum Menschen abhängig werden

Achtung, wenn Angehörige regelmäßig zum Alkohol greifen: Der Übergang von Missbrauch zur Sucht ist fließend, warnt Suchtberater Ekkehardt Sponsel. Foto: dpa

Werra-Meißner. Ob Alkohol, Nikotin, Glücksspiel oder Internet: Auf bestimmte Stoffe oder Angewohnheiten wollen viele Menschen nicht mehr verzichten.

Nicht immer wird das zum Problem. Doch in manchen Fällen entwickelt sich eine Abhängigkeit, die fatale gesundheitliche und psychische Folgen für die Betroffenen hat. Über das Thema Sucht sprachen wird mit Sozialtherapeut Ekkehardt Sponsel, der seit 25 Jahren in der Fachstelle für Suchthilfe und Prävention im Zweckverband des Diakonischen Werkes Eschwege/Witzenhausen angestellt ist.

Berauschende Substanzen haben in der Menschheitsgeschichte schon immer eine Rolle gespielt. Neigt der Mensch in seiner Anlage zur Sucht?

Ekkehard Sponsel

Ekkehardt Sponsel: In früheren Gesellschaften hatte der Drogenrausch eine ganz andere Bedeutung. Er war an einen Anlass gebunden, zum Beispiel um in Kontakt mit der Geisterwelt zu treten. Die Droge diente also nicht einem persönlichen Anliegen, sondern war Teil eines spirituellen Erlebnisses. Heute ist der Rausch ein privates Abenteuer, das sich jeder leicht verschaffen kann. Alkohol beispielsweise gibt es überall günstig zu kaufen. Trotzdem ist bei Weitem nicht jeder, der am Abend ein Glas Wein genießt, ein Abhängiger.

Und wer allabendlich eine ganze Flasche Wein genießt?

Sponsel: Da wird es schon allein aufgrund der Menge und der Regelmäßigkeit bedenklich. Immerhin ist Alkohol ein Nervengift, das Zellen und Organe schädigt und das der Körper schnell wieder loswerden möchte. Grundsätzlich steht vor jeder Sucht der Missbrauch, doch die Übergänge sind fließend.

Wann beginnt die Sucht?

Sponsel: Die Definition von Sucht ist im Diagnosekatalog ICD 10 klar geregelt (siehe Hintergrund). Als Außenstehender sollte man hellhörig werden, wenn der Betroffene nicht mehr ohne eine Substanz auskommt, also täglich trinken oder kiffen muss, um zu entspannen - und das selbst dann, wenn aufgrund seines Verhaltens Konsequenzen wie Erkrankungen, Führerscheinverlust, Scheidung oder eine Abmahnung im Betrieb drohen.

Warum werden Menschen abhängig?

Sponsel: Dafür kommen meist mehrere Faktoren zusammen. Die Persönlichkeitsstruktur des Menschen spielt eine entscheidende Rolle, zum Beispiel wie viel Frust und seelischen Druck er aushält. Auch das persönliche Umfeld ist wichtig, zum Beispiel ob Partnerschaft und Beruf gut funktionieren. Und natürlich Art und Dosis der Droge selbst. Es gibt Stoffe, die schnell abhängig machen, und andere, wo dieser Prozess lange dauert. Letztlich trifft jeder selbst die Entscheidung, ob er sich dem realen Leben durch einen Rausch entzieht oder sich seinen Problemen stellt.

Kann ein Süchtiger aus eigenem Antrieb diese Entscheidung noch treffen und zu Ihnen in die Beratung kommen?

Sponsel: Es kann bei jedem Klick machen, der frei von irgendwelchen Substanzen werden will. Aber der Druck von außen, ob vom Partner, dem Arbeitgeber oder dem Jobcenter, ist bei den meisten mit im Spiel. Wichtig für mich als Suchtberater ist, bei den Betroffenen den Willen und die Motivation zur Veränderung zu erkennen und zu vertiefen. Sonst habe ich keinen Auftrag.

Sind heute mehr Menschen süchtig als noch vor 25 Jahren?

Sponsel: Ja, das würde ich schon sagen. Das hat aber mehrere Gründe. Zum einen kommt heute jeder leicht und günstig an legale Substanzen wie Alkohol und Nikotin heran. Zum anderen gibt es im illegalen Bereich viele neue Drogen wie Ecstasy und Crystal Meth, die extrem schnell süchtig machen. Zusätzlich gibt es heute wegen der technischen Entwicklung psychische Abhängigkeitserkrankungen, an die vor 25 Jahren noch keiner gedacht hat, wie Internet- oder Computersucht. Auch Spielsucht, vor allem an Automaten, spielt zunehmend eine Rolle.

Zur Person

Ekkehardt Sponsel (62) stammt aus Diez an der Lahn (Rheinland-Pfalz). Mit seinen Eltern kam er als Kind nach Nordhessen, wuchs hier auf und studierte Sozialwesen in Kassel (Abschluss Dipl. Sozialpädagoge und Dipl. Sozialarbeiter). Er arbeitete als Heimerzieher, bevor er vor über 25 Jahren zur Suchthilfe kam. Sponsel lebt in Sontra.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren: Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.