Kraniche ziehen in diesen Wochen wieder über den Werra-Meißner-Kreis

Atemberaubend: Im Formationsflug ziehen die Kraniche über die Region hinweg. Im Hintergrund ist die Blaue Kuppe bei Eschwege zu sehen. Archivbild: Rainer Fröhlich

Bald fliegen sie wieder - und das zu Tausenden. Von den Sammelplätzen in Nordostdeutschland ziehen die Kraniche auf breiter Front über den Rhein nach Frankreich und weiter nach Spanien - sie fliegen auch über den Werra-Meißner-Kreis.

Ihre klangvollen Rufe sind weithin zu hören, ihre Keile und Ketten am Herbsthimmel unverkennbar. Wir beantworten gemeinsam mit dem Vogelschutzexperten Wolfram Brauneis aus Eschwege die wichtigsten Fragen und Antworten zum Zug der Kraniche.

Gibt es in diesem Jahr schon erste Sichtungen der „Vögel des Glücks“ über unserer Region? 

Ja, einige Kraniche sind bereits über den Werra-Meißner-Kreis gezogen. Allerdings erst sehr wenige, weiß Ornithologe Wolfram Brauneis aus Eschwege. Der Grund dafür seien die derzeit herrschenden, für die graugefiederten Zugvögel aber ungünstigen Südwest- und Westwinde. „Günstig für regelrechte Massenflüge ist eine stabile Hochwetterlage mit Rückenwind“, sagt Brauneis - eine besonders energiesparende Reisemethode. Dann lassen sich auch Massenflüge mit über 10 000 Tieren, beispielsweise über dem Ringgau-Hochplateau, beobachten. Sind die Zugbedingungen aber nicht so günstig, sind auch die fliegenden Gruppen wesentlich kleiner.

Haben die Kraniche bevorzugte Rastplätze im Werra-Meißner-Kreis, die sie immer wieder anfliegen? 

Nein, nicht in unserer Region, sagt Wolfram Brauneis. In Hessen steuern die Kraniche zwar traditionell einen Rastplatz in der Wetterau an; für den Kreis aber sind keine solchen Tummelplätze bekannt.

Wie sollen sich Schaulustige und Wanderer verhalten, wenn sie Kraniche beobachten möchten? 

In der Region gibt es keine ausgewiesenen Kranich-Beobachtungsstellen. „Die Vögel sind äußerst scheu und dürfen nicht gestört werden“, sagt

Wolfram Brauneis. Spaziergänger sollten nicht zu nah an die rastenden Kraniche herantreten und Hunde an die Leine nehmen. „Die Vögel betrachtet man am besten aus einer gewissen Entfernung heraus“, sagt der Ornithologe. Ein Abstand von mindestens 300 Metern sei angemessen. „Jedes Aufscheuchen ist gleichbedeutend mit einem immensen Kraftverbrauch, den die Kraniche durch die Aufnahme von weiteren Kalorien ausgleichen müssen.“

Nehmen die Zugvögel in jedem Jahr die gleiche Route in ihre Winterquartiere? 

Nein. „Die Flugrouten sind in den vergangenen Jahren kürzer geworden“, sagt Wolfram Brauneis. Während die Kraniche noch vor rund 30 Jahren in Überwinterungsgebiete nach Nordafrika flogen, heißt ihr Ziel heute Südeuropa. „Über Hessen geht es zum größten französischen Rastplatz, den Lac du Der-Chantecoq in der Champagne, und weiter bis nach Spanien und Portugal“, sagt der Vogelkundler. Bis zu 3000 Kilometer für Hin- und Rückweg seien noch immer keine Seltenheit.

Wie können auch Laien die vorbeiziehenden Kraniche zweifelsfrei erkennen? 

„Für den Naturbeobachter sind die ziehenden Kraniche an ihrer keilförmigen Formation und den trompetenartigen Rufen zu erkennen“, erklärt Gerhard Eppler, Landesvorsitzender des Nabu Hessen. Die kräftigen und erfahrenen Tiere fliegen an der Spitze, dann folgen Familien mit durchschnittlich zwei Jungtieren. Im Oktober und November gibt es bei günstiger Witterung oft Flugtage, an denen in kurzer Zeit bis zu 50 000 und mehr Vögel über Hessen hinweg ziehen, so Eppler.

Im Volksmund werden Kraniche auch Schneegänse genannt. Ist diese Bezeichnung korrekt? 

Nein! „Eine Schneegans gehört zur Familie der Entenvögel und hat mit den Kranichen rein gar nichts zu tun“, sagt Wolfram Brauneis. Die Schneegans brütet im nordwestlichen Grönland, im nördlichen Kanada und nordöstlichen Sibirien, verbringt als Zugvogel aber den Winter weiter südlich, vor allem in den Vereinigten Staaten. Verwechseln sollte man die Kraniche auch nicht mit Wildgänsen: Sie haben ein ähnliches Zugverhalten und nutzen oft gemeinsame Rastgebiete. Da die Flugbilder von ziehenden Kranichen und Gänsen recht ähnlich sind, sind sie für Laien schwer auseinanderzuhalten.

Warum ruft der Nabu Hessen dazu auf, Kranichbeobachtungen zu melden? 

Der Nabu Hessen ruft dazu auf, Kranichbeobachtungen im Internet unter der Adresse www.Kranich-Hessen.de zu melden. Mit Hilfe der Meldungen möglichst vieler Kranichfreunde sei es möglich, eine bessere Übersicht über das Zuggeschehen sowie Hinweise auf Veränderungen von Flugrouten zu erhalten, heißt es in einer Pressemitteilung.

Naturfreunde aus dem Werra-Meißner-Kreis können aber auch direkt den Ornithologen Wolfram Brauneis in Eschwege kontaktieren. Brauneis führt seit Jahren eine detaillierte Artenkartei - per Hand, wie er betont. Sämtliche Meldungen werden unter Nennung des Namens des Melders verzeichnet. „Wenn die Kartei einmal veröffentlicht wird, ist eine korrekte Zitierung ungemein wichtig“, sagt Brauneis. (esp)

Kontakt: per E-Mail an wolfram.brauneis@hgon.de sowie per Telefon unter 0 56 51/ 1 09 75.

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