Statue könnte Standort wechseln

Ist Denkmal gerechtfertigt? Erhard hat nie Heimkehrer in Witzenhausen begrüßt

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Tagesausflug während des Wahlkampfes: Im Oktober 1968 besuchte Bundeskanzler Ludwig Erhard als Zugpferd seiner Partei CDU für wenige Stunden Witzenhausen. Die Geschichte von der Begrüßung der Kriegsheimkehrer hat sich als falsch erwiesen.

Witzenhausen. Seine gepunktete Krawatte brachte die Wahrheit ans Licht: Ludwig Erhard, dessen Denkmal seit Dezember den Eingang zur Fußgängerzone an der Brückenstraße ziert, war 1955 nicht in Witzenhausen, um auf dem Marktplatz Kriegsheimkehrer zu begrüßen.

Nur ein einziges Mal setzte der frühere Bundeskanzler der Bundesrepublik seinen Fuß auf den Boden der Kirschenstadt. Das war am 12. Oktober 1968, als er sich auf einer Wahlkampfreise befand und mit gepunktetem Schlips im damaligen Gasthaus „Goldener Löwe“ für ein Foto posierte.

Bürgermeisterin Angela Fischer sieht sich nun mit der Frage konfrontiert, ob die Statue Erhards an dieser Stelle und mit dieser Pose - der zum Gruß ausgestreckten Hand in Richtung Friedland - noch gerechtfertigt ist. Das Projekt „Museum am Weg“ hat eigentlich zum Ziel, einen Bezug zu berühmten Persönlichkeiten herzustellen, die eine inhaltliche Bindung an die Stadt haben. Ein Tagesausflug im Rahmen einer Wahlkampftour dürfte dafür nicht ausreichen.

Doch ein darüber hinaus gehender Zusammenhang zwischen Erhard und Witzenhausen ist anhand der Recherchen von Stadtarchivar Matthias Roeper eindeutig widerlegt. Roeper hatte alte Zeitungen auf der Suche nach Belegen für den Besuch Erhards durchforstet und wurde in den Jahren 1955/1956 nicht fündig. „Unmöglich. Wäre der Bundeskanzler hier gewesen, um Heimkehrer zu begrüßen, hätten die Zeitungen groß berichtet.“

Als er das in Witzenhausen entstandene Foto Erhards genauer betrachtete, fiel ihm auf, dass der Politiker bereits sehr alt aussah. Ein Anruf bei der Ludwig-Erhard-Stiftung brachte Klarheit: Archivar Andreas Schirmer, der bis 1993 selbst in Witzenhausen lebte, berichtete Roeper von einer Wahlkampftour Erhards durch Nordhessen im Jahr 1968.

Bei Durchsicht der Hessischen Allgemeinen entdeckte Roeper einen Artikel, der Foto und authentische Geschichte endlich in Einklang brachte. Unter dem Titel „Stürmischer Empfang für Erhard - Altkanzler sprach auf CDU-Kundgebung in Witzenhausen“ heißt es dort am 14. Oktober 1968: „Dicht drängten sich die Menschen rund um den Marktplatz, als der Altkanzler seinem Mercedes entstieg: mit gepunkteter Krawatte, die bekannte Zigarre im Mundwinkel, der Menge (...) zuwinkend.“

Das Ergebnis der Recherche ist ernüchternd. Bürgermeisterin Angela Fischer informierte gestern die Sponsoren der Statue über die Entwicklungen. Eingemottet werden soll die Statue aber nicht und auch an der Reparatur der jüngsten Vandalismusschäden will die Stadt festhalten. „Alles andere wäre unfair allen Menschen gegenüber, die sich für das Denkmal eingesetzt und es der Stadt geschenkt haben“. Nur den Standort könnte Erhard bald wechseln - vielleicht an einen weniger exponierten Ort.

Das sagt Jürgen Rippel:

Jürgen Rippel, Initiator des Projekts „Museum am Weg“, war vom Recherche-Ergebnis Roepers überrascht. „Mir wurde immer erzählt, dass Ludwig Erhard hier war, um Kriegsheimkehrer zu begrüßen“, beteuert er. „Mit so einer Entwicklung hätte ich niemals gerechnet!“ Rippels Tante Gabriele Koch war Pächterin des „Goldenen Löwen“. Das Foto Erhards war im Gästebuch des Gasthauses zwischen den Seiten der Jahre 1955/1956 gefunden worden. Der Zusammenhang sei also naheliegend gewesen. Rippel: „Ich wollte mit dem Kunstprojekt meiner Heimatstadt nur Gutes tun. Viele werden sich nun fragen, warum ich nicht besser recherchiert habe. Aber ich lebe in Nürnberg und sitze nicht an den Quellen. Falls weitere Statuen entstehen, zum Beispiel vom Fastendoktor Dr. Buchinger, würde ich mich über einen intensiveren Austausch im Vorfeld freuen. Das hilft, Fehler zu vermeiden.“

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