Reformationstag

„Luther ist immer noch aktuell": Interview mit Dekanin Ulrike Laakmann

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Luther kann man auch ganz modern verstehen: Auf unserem Symbolbild präsentiert Stefan Rhein, Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten, einen Comic-Luther in der Ausstellung „Martin Luther. Sein Leben in Bildern“ in Wittenberg. Die Schau erzählt noch bis 29. Januar 2017 die Biografie des Reformators anhand von Gemälden und Grafiken des 16. bis 21. Jahrhunderts.

Werra-Meißner. Die Lehren Luthers können auch heute noch als Leitfaden fürs Leben dienen, findet Witzenhausens Dekanin Ulrike Laakmann.

Weil am heutigen Reformationstag offiziell die Feiern zum Reformationsjubiläum beginnen, haben wir sie zum Gespräch über Luther, Gott und die Welt gebeten.

Vor fast 500 Jahren veröffentlichte Martin Luther seine 95 Thesen. Welche ist aus Ihrer Sicht die Wichtigste?

Ulrike Laakmann: Ich möchte mich nicht auf eine These festlegen. Das Epochale an ihnen ist heute nicht so sehr ihr Inhalt, sondern der Umstand, dass Luther überhaupt solche Thesen zum Glauben veröffentlichte. Er vertrat eine andere christliche Haltung als die offizielle Kirche in seiner Zeit, das ist spannend. Die Debatte, die er mit der ersten These zum Thema Buße und Ablass angestoßen hat, ist heute so nicht mehr aktuell. Sein Glaubensverständnis aber, dass „ein freier Christenmensch“ sein Leben direkt vor Gott verantwortet, ohne eine vermittelnde Instanz dazwischen, ist nach wie vor relevant.

Vor 500 Jahren spalteten sich protestantische Gläubige von den Katholiken ab. Wäre es nicht an der Zeit, wieder auf die Katholiken zuzugehen?

Laakmann: Eigentlich wollte Luther die Spaltung nicht, er wollte seine Kirche verändern, reformieren. Bei uns im Werra-Meißner-Kreis gehen die Konfessionen seit Jahrzehnten aufeinander zu. Da gibt es etwa gemeinsame Fahrten des ökumenischen Arbeitskreises, wir planen mit den katholischen Kollegen das Gedenken zum 8. und 9. November, zum Volkstrauertag, zu Erntedank, den Gottesdienst für die Einsatzkräfte. Selbstverständlich veranstalten wir auch das wöchentliche Friedensgebet gemeinsam. Sicher gibt es theologische Unterschiede und ein anderes Amtsverständnis. Die Frage ist aber: Will man auf das schauen, was eint oder was trennt? Dass die andere Konfession verteufelt wird, liegt Gott sei dank hinter uns.

Trotzdem wird ab heute das Reformationsjubiläum gefeiert. Was ist im Kreis geplant?

Ulrike Laakmann

Laakmann: Vergangene Woche waren wir mit dem Dechant der katholischen Kirche per Rad auf den „Kirchwegen“ unterwegs. Heute und am Sonntag werden in den Reformationsgottesdiensten die neuen Altarbibeln mit der Neu-Übersetzung eingeführt, das ist ein schöner Auftakt. Von November bis März gibt es die Reihe „Luther Lesen“ mit dem Evangelischen Forum, bei dem Menschen aus den Kirchenkreisen Witzenhausen und Eschwege Luther-Schriften vorstellen, lesen und mit dem Publikum diskutieren. Dann planen wir eine „Klangreise“ durch den Kirchenkreis Witzenhausen mit mehreren Konzerten. Start ist im Mai in Allendorf und Hessisch Lichtenau, mit dabei ist auch ein Musical über Luthers Frau Katharina von Bora. Bis jetzt sind sieben Konzerte geplant. Ich freue mich ganz besonders, dass wir im März 2018 zum zweiten Frauenmahl auf Burg Ludwigstein die Botschafterin für das Reformationsjubiläum, Margot Käßmann, als Gast gewinnen konnten - ein schöner Abschluss.

Warum ist die Reformation 500 Jahre nach ihrem Beginn heute noch wichtig?

Laakmann: Durch die Reformation wurde der Bildungsgedanke in Deutschland weit verbreitet - auch für Frauen und Mädchen übrigens, in einer Zeit, in der das nicht üblich war. Alle sollten die Bibel lesen können! Luther stand auch für zivilgesellschaftliches Engagement, persönliche Verantwortung und dafür, seine Überzeugung im Alltag zu leben. Das kann immer noch ein Vorbild sein - für alle.

Luther wetterte gerade im Alter gegen Juden und Türken. Wie können wir in einer multikulturellen Gemeinschaft einen neuen Weg finden, ohne sein Erbe zu vernachlässigen?

Laakmann: Diese späten Äußerungen sind schrecklich und sind schrecklich genutzt worden. Zum Erbe gehört auch, von Schuld zu reden! Doch wir feiern ja nicht in erster Linie Luther, sondern 500 Jahre Reformation. Luther selbst hat den damaligen Heiligenkult kritisiert, es kann also nicht in seinem Sinn sein, nun einen Personenkult um ihn zu starten. Sein Erbe ist genau diese kritische Sicht. Luther zeigte Zivilcourage, seine Familie war sehr gastfreundlich, gleichzeitig schrieb er schreckliche Dinge über Juden und Türken. Er war widersprüchlich, dem muss man sich stellen.

Im Glauben galt Luther als standhaft: Ist das heute noch eine wichtige Eigenschaft?

Laakmann: Heute muss allen an der Suche nach einem Konsens gelegen sein. Für mich bedeutet „standhaft“ aber auch, verlässlich zu sein, klar und sich seiner Verantwortung zu stellen. Dann gibt es auch Momente wie bei Luther, wo man sagt „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ Das steht zum Beispiel auf meiner Handyhülle und ich mag es, das immer wieder vor Augen zu haben. 

Vielleicht ist das Reformationsjahr eine Gelegenheit darüber nachzudenken, was das christliche Gebot der Nächstenliebe für einen selbst bedeutet - als Person, in der Familie, in der Gesellschaft. Es ist eine Einladung sich zu fragen: Wofür stehe ich?

Zur Person

Ulrike Laakmann (59) ist seit 2011 Dekanin des Kircheskreises Witzenhausen. Vorher arbeitete sie zuletzt am Predigerseminar der evangelischen Landeskirche Kurhessen-Waldeck in Hofgeismar. Ulrike Laakmann hat mit ihrem Mann Martin, dem Pfarrer von Werleshausen und Neuseesen, zwei erwachsene Kinder. Als eine Einstimmung auf das Reformationsjahr empfiehlt sie das Buch „Deutschland, Lutherland“ von Christine Eichel, das erklärt, warum uns die Reformation bis heute prägt.

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