Tier war über die Grenze geschmuggelt worden

Illegaler Welpenhandel: Familie aus Balhorn hat kranken Hund gekauft

Ärgern sich heute über ihre Gutgläubigkeit und möchten andere Welpenkäufer warnen: Jeannette Schminke (links) mit ihrer Tochter Alida und Brutus. Foto: Ricken
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Ärgern sich heute über ihre Gutgläubigkeit und möchten andere Welpenkäufer warnen: Jeannette Schminke (links) mit ihrer Tochter Alida und Brutus.

Balhorn. Der kleine Hundewelpe brach zusammen, kurz nachdem ihn Familie Schminke nach Hause geholt hatte. Er krümmte sich vor Schmerzen, hustete und lief immer wieder mit dem Kopf gegen die Wand.

Was die Balhorner erst später erfuhren: Sie waren Opfer von Welpenhändlern geworden, die kranke Hunde aus dem Ausland verkaufen, die zuvor illegal über die Grenze geschmuggelt werden.

Der Kleine hatte Zwingerhusten, gegen den junge Hunde in Deutschland geimpft werden und einen schweren Leberschaden. Inzwischen hat die Familie mehrere tausend Euro Tierarzt- und Gerichtskosten zu zahlen.

Blick in polnischen Vermehrerstall. Die hygienische Umstände dort fördern Krankheiten.

Angefangen hatte alles mit dem Foto eines knuddeligen Labradorwelpen, der von einem Sofaplatz mit großen Kulleraugen in die Kamera schaute. Die bebilderte Anzeige entdeckten die Schminkes auf einer Internetplattform. Einen Sofaplatz sahen sie nicht, als sie bei dem angeblichen Hundezüchter in Seligenstadt ankamen. In einer Art Schweinestall waren zehn Hundewelpen in Boxen untergebracht. „Zwei erwachsene Labradore wurden als vermeintliche Hundeleltern präsentiert“, erinnert sich Jeannette Schminke. „In der Anzeige stand ein Verkaufspreis von 650 Euro. Als wir da waren, erzählten die angeblichen Züchter das wäre der Preis für Hunde mit Fehlern.“ Schminkes verliebten sich spontan in einen kleinen schokoladenfarbenen Welpen. Das war der Grund, warum sie schließlich trotz schlechtem Bauchgefühl den Kleinen mitnahmen: Für 1000 Euro und ohne Impfung. Die habe man dem Welpen nicht geben können, da er gerade erkältet sei, wurde ihnen gesagt.

Heute wissen die Schminkes, dass solche Hunde keine Impfung, sondern allenfalls eine Kräftigungsspritze erhalten, um beim Verkauf einigermaßen vital zu wirken.

„Wir waren täglich beim Tierarzt und kurz davor den Kleinen einschläfern zu lassen, weil er so gelitten hat“, erzählt die 39-jährige Balhorner. Noch heute kommen ihr die Tränen, wenn sie die Videos von damals betrachtet.

Zwei Operationen in der Tierklinik, Spezialfutter und regelmäßige Tierarztbesuche waren nötig, damit Brutus heute ein einigermaßen normales Hundeleben führen kann.

Hintergrund

Fit gespritzt: Am ersten Tag ging es Brutus noch vermeintlich gut.

Die Balhorner Familie Schminke hat die Hundehändler aus Seligenstadt verklagt und Recht bekommen. Sie sind nicht die einzigen. Gegen das Paar aus Seligenstadt lägen 80 Anzeigen und 40 zivilrechtlichen Verfahren wegen Betrugs seit 2004 vor, so Jeannette Schminke. „Die Tierhändler beziehen kranke Welpen von Vermehrern aus Osteuropa und verdienen sich mit dem Verkauf der Hunde über Internet-Plattformen eine goldene Nase“, so Schminke. Die Seligenstädter wären zu 15 Monaten Haft ohne Bewährung und ein Zucht- und Handelsverbot für die nächsten fünf Jahre verurteilt worden. „Weil sie Berufung eingelegt haben, können sie offenbar ihr Spiel weitertreiben.“ Im Dezember hat Schminke wieder vier Anzeigen des Paares im Internet entdeckt. Die Hoffnung, dass sie bei der hohen Zahl von betrogenen Hundekäufern etwas von ihren Kosten zurück bekommen, haben die Balhorner längst aufgegeben.

Das sagt die Tierschutzorganisation Vier Pfoten

Die Tierschutzorganisation Vier Pfoten engagiert sich seit 2009 mit einer internationalen Kampagne gegen den illegalen Welpenhandel. Ziel ist es, durch Aufklärung der Bevölkerung sowie durch politische Forderungen die kriminelle Vorgehensweise der Hundemafia zu unterbinden. Wir sprachen mit Birgitt Thiesmann von Vier Pfoten:

Frau Thiesmann, woher kommen eigentlich die Welpen der Hundehändler? 

Birgitt Thiesmann: Die meisten Welpen kommen von sogenannten Vermehrerstationen aus Polen, Tschechien, der Slowakei, Ungarn und Rumänien. In Massen produziert und zu früh von ihren Müttern getrennt, werden sie in Kisten und Kofferräumen oft tagelang illegal durch Europa gekarrt. Die EU-Osterweiterung macht es den Schieberbanden leicht und erschwert die Kontrollen an den Grenzen. Das skrupellose Geschäft mit der Ware Hund boomt und die Nachfrage steigt stetig.

Was erzielen die Händler und Vermehrer bei diesen Geschäften für Gewinnspannen? 

Thiesmann: Die Vermehrer in Osteuropa verkaufen die Welpen billigst an die Zwischenhändler, die ihrerseits die Hunde um ein Vielfaches an die Abnehmer in Deutschland oder anderen westlichen Ländern abgeben. Diese wiederum treiben den Preis noch einmal in die Höhe. Der beträgt dann in der Regel schließlich einige hundert Euro und liegt damit trotzdem meist noch unter den Preisen der seriösen Züchter.

Warum sind die Welpen krank?

Thiesmann: Die Hunde wachsen im Schmutz und unter schlimmsten Bedingungen auf. Die Muttertiere werden als Gebärmaschinen missbraucht und einfach entsorgt, wenn sie nicht mehr „funktionieren“. Medizinische Versorgung, eine angemessene Ernährung oder menschliche Zuwendung kennen sie nicht, ebenso wenig wie die Welpen. Durch die viel zu frühe Trennung von ihren Müttern und Geschwistern fehlt den kleinen Hunden die Prägephase, die mindestens bis zur achten Woche gehen sollte. Diese Zeit der Sozialisierung ist entscheidend für ihr ganzes Leben. Ich habe auf osteuropäischen Märkten Welpen gesehen, die so klein waren, dass sie am Finger gesaugt haben.

Warum wird solchen Welpenhändlern wie in Seligenstadt nicht das Handwerk gelegt?

Thiesmann: Mittlerweile wird der illegale Welpenhandel nicht mehr nur als Kavaliersdelikt angesehen, sondern auch bestraft. Allerdings tummeln sich auf den Internetplattformen hunderte von Händlern, die unter falschen Angaben Welpen anbieten. Wir hoffen, dass die Seligenstädter Welpenhändler im März am Landgericht Darmstadt keine Bewährung bekommen und sie ihre Haftstrafe von 15 Monaten antreten müssen. Das wäre das erste Mal in Deutschland und ein erster großer Sieg gegen den illegalen Welpenhandel.

Wann sollte man beim Welpenkauf misstrauisch werden? 

Thiesmann: Wenn sich der Anbieter irgendwo mit Ihnen treffen oder Ihnen den Welpen nach Hause bringen möchte, hat er sehr wahrscheinlich etwas zu verheimlichen. Sehen Sie sich die Elterntiere an, insbesondere das Muttertier. Wenn der Verkäufer eine sehr große Anzahl von Tieren, eventuell sogar verschiedener Rassen anbietet, stimmt etwas nicht. Die Welpen sollten bei der Abgabe mindestens acht Wochen oder älter sein. Kein gutes Zeichen ist es auch, wenn der Anbieter kein besonderes Interesse am weiteren Wohlergehen des Welpen zeigt. Wer einen Welpen beim Züchter kaufen möchte, sollte dies über Mitglieder des VDH-Verbandes tun. Der erste Weg sollte jedoch immer erst einmal ins Tierheim führen. Dort warten viele tolle Hunde sehnsüchtig auf ein neues Zuhause.

www.stopptwelpendealer.org

www.vier-pfoten.de

Video: Dokumentation zum Welpen-Handel

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