Neue Serie: Jüdische Friedhöfe im Wolfhager Land

Friedhof
+
Ewige Ruhe: Wie viele Jüdische Friedhöfe war auch der in Wolfhagen während des Zweiten Weltkrieges zerstört worden. Nach Kriegsende wurden die Grabsteine wieder aufgerichtet, aus den Trümmern einiger Steine wurde 1946 ein Mahnmal errichtet. Fotos: Thon

Die Jüdischen Friedhöfe sind besondere Stätten der Ruhe. Die Verstorbenen haben ein ewiges Ruherecht, ihre Gräber sind somit unantastbar. In einer kleinen Serie wollen wir die Jüdischen Friedhöfe in Wolfhagen, Zierenberg, Breuna, Wettesingen und Naumburg vorstellen.

Es war ein hoher Preis, den die Wolfhager Juden für den neuen Friedhof an der Wilhelmstraße zahlen sollten. Aber sie beugten sich. Denn der Weg, der sie bis dahin bei Bestattungen vor die Tore der Stadt auf ein Gelände führte, auf dem heute der Lidl-Markt steht, war ihnen zu weit und zu beschwerlich.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts begruben die Juden ihre Verstorbenen auf dem Friedhof an der Wilhelmstraße - dort, wo sich bis kurz zuvor noch das Schützenhaus befunden hatte. „Es war eine seltsame Konstellation“, merkt Wolf-Arne Pillardy, Mitglied des Heimat- und Geschichtsvereins, an. Der Schützenverein hatte vor gut 200 Jahren eine Hypothek auf das Gebäude aufgenommen, obwohl es ihm gar nicht gehörte.

Für den neuen Friedhof mussten die Juden die Hypothek der Schützen übernehmen, sie kamen für den Abriss des Schützenhauses ebenso auf wie für den Neubau, und sie zahlten für den Friedhof eine Pacht an die Stadt, der Grund und Boden gehörte.

Wolf-Arne Pillardy

Das Demütigendste aber sei eine Verordnung gewesen, mit der man die Wolfhager Juden gängelte, sagt Pillardy. Die Stadtväter hatten von ihnen verlangt, jeden Leichenzug durch die Schützeberger Straße zu führen. Nur die Hälfte der jüdischen Bevölkerung habe damals in der Innenstadt gewohnt. Für die Menschen am Stadtrand sei es eine Zumutung gewesen, den Leichnam durch die Innenstadt zu geleiten und sich den vielen Blicken auszusetzen. „Es war reine Schikane“, so Pillardy.

120 Jahre lang bestatteten die Juden auf dem Friedhof an der Wilhelmstraße ihre Verstorbenen. Dokumentiert ist, dass im Jahr 1936 noch eine Beerdigung stattfand, Pillardy vermutet auf Grund der Größe der Jüdischen Gemeinde, dass es auch danach noch Bestattungen gegeben hat. 1938 begann eines der dunkelsten Kapital im Zusammenleben von Juden und Nichtjuden in Wolfhagen. Mit einem Tag Verspätung erreichte die Reichspogromnacht die Stadt.

In der Nacht zum 11. November wurde der Friedhof zerstört, Grabsteine umgestoßen und demoliert. Die Synagoge wurde niedergebrannt, das Schulhaus verwüstet. Ein Wohnhaus, in dem eine jüdische Familie lebte, wurde in Brand gesetzt. Zahlreiche Juden hatten Wolfhagen noch rechtzeitig verlassen können, einige aber wurden ermordet.

Heute ist der Jüdische Friedhof eine stille Gedenkstätte. Im ersten Jahr nach dem Krieg wurden die 17 Grabsteine, die zu retten waren, wieder aufgestellt. Aus den Trümmern wurden eine Mauer und ein Gedenkstein errichtet. Das würde man heute nicht mehr tun, weil es nicht zur jüdischen Bestattungsethik passt, sagt Jochen Petzold, beim Regierungspräsidium Kassel zuständig für die Betreuung der Friedhöfe. Der Aussöhnungsgedanke, der hinter der Idee stand, sei aber anerkennswert.

Hintergrund

In den vergangenen Jahren hat der Jüdische Friedhof in Wolfhagen wieder mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Nachkommen der Juden, die hier ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, reisen aus Amerika oder Israel an, um ihren Vorfahren ein Stück näher zu kommen. Anfang des Jahres besuchten die beiden letzten noch lebenden und in Wolfhagen geborenen ehemaligen Mitglieder der Gemeinde, Lutz Kann und Ralph Möllerick, den Friedhof. Ab und an werden auch Führungen angeboten. Wer den Friedhof besuchen möchte, kann sich den Schlüssel im Rathaus beziehungsweise am Wochenende bei der Polizei abholen. (ant)

Projekte

Mit der jüdischen Geschichte in Wolfhagen befassen sich auch zunehmend die Jugendlichen an der Wilhelm-Filchner-Schule. Wie Bürgermeister Reinhard Schaake sagte, solle es zusammen mit der Jüdischen Gemeinde in Kassel gemeinsame Projekte geben. So sei denkbar, dass die Schüler den Friedhof in Wolfhagen besuchen und die hebräischen Grabinschriften übersetzen, die aus der Thora, der hebräischen Bibel, stammen.

In der Kulturhalle in Wolfhagen wird es in den Tagen um den 9. November eine Ausstellung zur jüdischen Geschichte geben. Sie zeigt die Häuser und Einrichtungen in Wolfhagen aus dem Jahr 1933, in denen damals jüdische Menschen lebten.

Von Antje Thon

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren: Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.