Nur rund 1300 Euro pro Betrieb

Milchbauern im Kreis Kassel kritisieren geplantes Hilfsgeld

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Spaß am Beruf: Junglandwirt Daniel Raude versorgt mit seiner Familie 230 Milchkühe und 150 Hektar Land. Schon als Kind half er seinen Eltern auf dem Hof in Altendorf. 

Kreis Kassel. Weil der Milchpreis immer weiter sinkt, soll es für die Bauern jetzt mehr als 100 Mio. Euro Soforthilfe vom Bund geben.

Das wurde beim sogenannten Milchgipfel mit Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) entschieden. Die Landwirte im Kreis Kassel sind damit nicht zufrieden.

Bei deutschlandweit rund 75.000 Betrieben seien das rund 1.333 Euro pro Betrieb, sagt Helmut Flörke, Milchbauer aus Wolfhagen. „Das ist Quatsch.“ Für ihn ist der Knackpunkt der Literpreis: Von der Molkerei Deutsches Milchkontor (DMK) bekommt Flörke derzeit 21 Cent für den Liter Milch, 35 Cent müssten es allerdings sein, um davon leben zu können.

Er mache derzeit „einen ziemlichen Verlust“. Wie viele andere Milchbauern auch habe er die Produktion ausgeweitet, um überhaupt auf sein Einkommen zu kommen. „Jetzt lege ich drauf.“ Von einer Quote halte er deshalb nichts. Große Discounter wie Aldi und Lidl müssten etwas an ihrer Preispolitik ändern, sonst passiere überhaupt nichts, sagt er.

Die versprochenen 100 Mio. Euro „sind ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt auch Reinhard Schulte-Ebbert, Geschäftsführer des Kreisbauernverbands Kassel. Verluste, die pro Betrieb bei bis zu 7.000 Euro monatlich lägen, könnten damit nicht ausgeglichen werden. Ob das Geld „eins zu eins“ bei den Bauern ankomme, sei unklar. „Das bringt uns nicht grundlegend weiter“, sagt er.

Er sieht den Staat in der Pflicht, der das Kartellrecht nutzen müsse, um gegen das „Marktungleichgewicht“ durch Märkte wie Aldi, Lidl und Edeka vorzugehen. Das müsse man endlich angehen. „Aber auch die Molkereien müssen ihre Hausaufgaben erledigen“, sagt Schulte-Ebbert. Diese müssten die Milchmengen selbst regulieren und, so sagt er, „für zu viel gelieferte Milch einen anderen Preis zahlen“.

Statt Urlaub in den Stall

Die Soforthilfe für Milchbauern hält Daniel Raude für „eine Verlagerung des Problems“. Er bewirtschaftet gemeinsam mit seinem Vater einen Hof mit 230 Milchkühen. Würde der Betrag geteilt, bliebe nicht genug für den einzelnen Betrieb übrig, um ihm wirklich zu helfen, sagt er. Doch trotz der momentanen Schwierigkeiten auf dem Markt kann sich der 29-jährige Junglandwirt keinen besseren Beruf vorstellen.

Raude ist fasziniert von der Natur. „Ich sehe, was mit meiner Arbeit passiert und kann mit der Natur zusammenarbeiten.“ Die stelle ihn immer wieder vor neue Herausforderungen, sagt der 29-Jährige. Regne es zu wenig, könnte die Frucht nicht richtig wachsen, regne es zu viel, könnte die Ernte zerstört werden. „Die Arbeit ist sehr vielfältig.“

Berufswunsch war eindeutig

Obwohl er Praktika in verschiedenen Bereichen absolvierte, hatte der Junglandwirt nie einen anderen Berufswunsch. Aufgewachsen auf einem Bauernhof, der schon mehr als 300 Jahre in Familienbesitz ist, habe er schon als Kind mit seinen Eltern auf die Felder und in den Stall gedurft, als Jugendlicher übernahm er schon früh Verantwortung für einzelne Bereiche. „Wir sind im Sommer nicht in den Urlaub gefahren. Wir mussten auf die Felder zur Ernte“, erzählt er.

Für den Vater eines Sohnes stand früh fest, nach dem Abitur Agrarwirtschaft zu studieren, um in den Betrieb mit einsteigen zu können. Vor sechs Jahren gründete er eine GbR mit seinem Vater. „Wir haben beide Verantwortung, aber ich kann mich trotzdem noch von ihm anleiten lassen“, sagt Raude. Von sechs bis 20 Uhr arbeitet der 29-Jährige täglich, sieben Tage die Woche. Im Sommer könne ein Arbeitstag auch länger sein, sagt Raude. Zuständig sei er für die Fütterung der Tiere sowie die Außenwirtschaft. Wareneingang und -ausgang kontrolliert er ebenfalls. „Im Winter helfe ich beim Melken. Außerdem überprüfen wir dann unsere Maschinen.“

Rücklagen für Krisenzeiten

Auch wenn ihm sein Beruf Spaß mache, sei er belastend: Für Krisenzeiten müsse er sich immer etwas zurücklegen, sagt Raude. Gerade zurzeit sei es für einen Betrieb mit Milchkühen nicht einfach. Die Nothilfe würde keine Wirkung zeigen, eine echte Hilfe für die Bauern sei nur eine Mehrabnahme auf dem Markt, sagt Raude. „Oder es muss weniger produziert werden.“

Ein weiteres Problem: Privat- und Berufsleben seien nie komplett voneinander getrennt. Das Telefon sei ständiger Begleiter, Arbeit gebe es immer und Gespräche über den Betrieb führe man zu Hause weiter. Um sich zu entspannen, besucht er Konzerte mit Freunden und hilft bei der Feuerwehr. Hin und wieder stehe ein Kurzurlaub an, sagt Raude. „Würde meine Familie nicht hinter mir stehen, könnte ich das nicht machen.“

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