Großer Medienrummel zum Auftakt

Prozess um Missbrauch von Kindern in 171 Fällen hat begonnen: Zeugin brach in Tränen aus

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Prozess um Missbrauch von Kindern

Kassel/Wolfhagen. Am Mittwochmorgen hat am Landgericht Kassel der Prozess gegen einen 55-Jährigen begonnen, der wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Kindern in 171 Fällen angeklagt ist. Rund um das Gerichtsgebäude herrschte vor Beginn ein großer Medienrummel.

Zahlreiche Fernsehteams und weitere Journalisten sind vor Ort. Auch der Besucherraum des Verhandlungssaals ist mit etwa 65 Personen komplett gefüllt.

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Regungslos hatte der 55-jährige Angeklagte am Vormittag das Verlesen der Anklageschrift durch die Staatsanwaltschaft über sich ergehen lassen. Das Publikum wurde, entgegen dem Antrag der Verteidigung, vom vorsitzenden Richter nicht ausgeschlossen und hörte sich die Details der Vergehen an, die dem früheren Mitarbeiter der Wolfhager Stadtverwaltung vorgeworfen werden: sexueller Missbrauch von Kindern in 171 Fällen, dazu das Verbreiten und der Besitz kinderpornografischer Schriften.

Der Angeklagte ließ von seinem Anwalt eine Erklärung zur Anklageschrift verlesen. Die Beschreibung der Details aus Sicht des Angeklagten fanden dann unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Der Angeklagte, das hatte sein Anwalt bereits zu Beginn der Verhandlung am späten Vormittag erklärt, räumte die ihm zur Last gelegten Taten ein.

Zeuginnen sagten aus

Vor der Mittagspause wurde eine erste Zeugin gehört, an der der Angeklagte sich seinerzeit vergangen hatte. Die heute 27-Jährige erklärte auf Nachfrage des Gerichts, sie leide nicht unter den Nachwirkungen, sei glücklich verheiratet und habe zwei Kinder. Sie habe das Ganze verdrängt. "Jetzt, wo alles wieder hochkommt", fühle sie sich schlecht, auch, wenn sie sich frage: "Warum habe ich früher nichts gesagt?" Sie könne es sich nicht erklären.

Eine weitere Zeugin wurde am Nachmittag befragt. Da der Angeklagte "umfassende Angaben" gemacht habe, so der vorsitzende Richter, könne man bei den Ausführungen der heute 22-Jährigen auf intime Details verzichten. Sie berichtete von einem gemeinsamen Urlaub mit der Familie des Angeklagten auf einem Campingplatz. Dabei soll es täglich zu Übergriffen durch den Angeklagten gekommen sein. Von ihr habe der Angeklagte keine Videos gedreht, sondern ausschließlich Fotos gemacht.

Die Zeugin erklärte, sie sei damals im Grundschulalter gewesen. Sie habe Geld vom Angeklagten bekommen. "Da habe ich meine Klappe gehalten." Als Folgen der Erlebnisse nannte sie Beziehungsprobleme, die sie sie bis heute belasten. Erst nach der Festnahme des Angeklagten im vergangenen Jahr habe sie sich ihrer Mutter anvertraut und sei dann auch zur Polizei gegangen.

Nach der Vernehmung dreier weiterer Zeuginnen endete der erste Verhandlungstag am späten Mittwochnachmittag vor dem Landgericht. Zwei Mütter erklärten, dass sie über Jahre nichts von den Machenschaften des Angeklagten geahnt hätten. Man vertraute ihm die Kinder an, unter anderem fuhr er mit ihnen in ein Burger-Restaurant in der Nähe. Eine der beiden Mütter sprach von einem Onkel/Tante-Verhältnis zwischen den Familien.

Ihre heute 17-jährige Tochter hat das offensichtlich anders empfunden. Bei ihrer Aussage vor Gericht brach sie in Tränen aus. Als Kind habe sie alles verdrängt. Sie habe nie etwas gesagt, "denn ich hatte tierische Angst, ich wusste nie, wie er reagieren wird." Der Prozess wird am 29. Januar fortgesetzt, unter anderem wird dann die Ehefrau des Angeklagten befragt.

Fotos aus dem Gericht

Prozess um Missbrauch von Kindern hat begonnen

Der heute 55-jährige Angeschuldigte steht nach dem Ergebnis der Ermittlungen in dem dringenden Verdacht, in der Zeit von 1994 bis März 2013 unter anderem fünf Kinder in Wolfhagen und anderen Orten sexuell missbraucht zu haben. Eines der Opfer ist eine Frau, die er zwischen 1994 und 1996 in fünf Fällen missbraucht haben soll und die damals acht bis zehn Jahre alt war. Ab dem Jahr 2002 bis 2003 soll es zu Übergriffen auf ein zu diesem Zeitpunkt zehn Jahre altes Mädchen gekommen sein. Dem Angeschuldigten wird weiterhin vorgeworfen, in den Jahren 2010 bis 2012 in 53 Fällen in eine Internettauschbörse kinderpornografische Bilder eingestellt zu haben.

Artikel aktualisiert um 17.15 Uhr

Schließlich wird ihm der Besitz entsprechender Bilddateien zur Last gelegt. Bei einer Wohnungsdurchsuchung am 8. Mai 2013 fanden die Ermittler fast 40.000 solcher Bilddateien. Der 55-Jährige wurde am 28. Mai 2013 festgenommen und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. (ui/nom/mak)

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