„Glaube nicht an Gott“: Benjamin Schröder aus Wolfhagen feiert Jugendweihe

Freut sich auf seine Jugendweihe: Benjamin Schröder (13) aus Wolfhagen. Der Gymnasiast hat sich ganz bewusst gegen die Konfirmation entschieden. Das Bild zeigt den Computerbegeisterten an seinem Rechner, den er nicht nur für Spiele nutzt, sondern an dem er sich auch auf den Unterricht vorbereitet und lernt.
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Freut sich auf seine Jugendweihe: Benjamin Schröder (13) aus Wolfhagen. Der Gymnasiast hat sich ganz bewusst gegen die Konfirmation entschieden. Das Bild zeigt den Computerbegeisterten an seinem Rechner, den er nicht nur für Spiele nutzt, sondern an dem er sich auch auf den Unterricht vorbereitet und lernt.

Wolfhagen. Von Gott hält Benjamin Schröder nicht viel. Der 13-jährige Schüler aus Wolfhagen hat nichts gegen die Kirche, er persönlich könne mit dem Glauben aber nichts anfangen. 

Deshalb kommt eine Konfirmation, wie sie seine Freunde in den kommenden Wochen feiern, für ihn nicht in Frage. Alternativ hat er sich für die Jugendweihe entschieden. Am 4. Juni wird Benjamin während einer Feierstunde in Kassel den Übertritt vom Kindes- ins Erwachsenenalter vollziehen.

„Ich fand es ungerecht, dass Christen die Aufnahme in den Kreis der Erwachsenen feiern können, ich aber nicht“, begründet der Siebtklässler seine Wahl. Seine Eltern, die ihre Wurzeln in Thüringen haben, hatten immer wieder von ihrer Jugendweihe erzählt, die sie noch zu DDR-Zeiten empfangen hatten. Das habe Benjamin zum Nachdenken gebracht. Damals, in den 1980er-Jahren, war das Fest Bestandteil der staatsbürgerlichen Erziehung. Doch von ihrem Ursprung her hat die Jugendweihe nichts mit der sozialistischen Gesellschaftsordnung zu tun. Entstanden ist sie in der Mitte des 19. Jahrhunderts, bereits damals war sie der Gegenentwurf zu Konfirmation und Kommunion.

Mit kritischem Blick

Für Benjamin ist die Sache klar: „Für mich ist es überhaupt nicht logisch, dass es da oben etwas gibt, was über uns bestimmt.“ Der Gymnasiast blickt dabei kritisch und mit vielen Fragen auf das Leben und das Menschsein. Vor dem Urknall, mit dem alles Leben begann, müsse es etwas gegeben haben. „Gott kann es nicht gewesen sein.“ Und weil er die Existenz Gottes bezweifelt, würde er sich bei einer Konfirmation auch nicht wohlfühlen.

In der Grundschule besuchte Benjamin Schröder zunächst den Religionsunterricht, „im ersten Jahr war ich sogar Klassenbester in Religion“, räumt er stolz ein. Später habe er sich nicht mehr beteiligen müssen, nutzte die Zeit für die Hausaufgaben und entschied sich schließlich für Ethik. „Beni sollte sich seine eigene Meinung bilden“, sagt Jana Schröder, seine Mutter.

Und das hat der 13-Jährige auch gemacht. Jetzt freut er sich auf das große Familienfest im Juni, zu dem er auch seine Freunde eingeladen hat, die einige Wochen zuvor in religiösen Zeremonien als vollwertige Mitglieder in die christliche Gemeinschaft aufgenommen werden.

Dem jungen Wolfhager ist bewusst, dass er als Jugendlicher mehr Verantwortung für sein Handeln übernehmen muss. Mit einer klaren Antwort auf die Frage, ob er sich in der Rolle des Kindes oder in der des angehenden Erwachsenen wohler fühlt, tut er sich schwer: „Beides hat Vorteile - als Kind muss ich nicht so viel arbeiten, als Erwachsener kann man sein eigenes Geld verdienen. Ich denke, Jugendlicher zu sein, ist ein guter Kompromiss“, sagt er und lacht.

Zwischen 30 und 40 Jugendliche aus Nordhessen empfangen in Kassel Jahr für Jahr die Jugendweihe. In diesem Jahr werden es neben Benjamin Schröder aus Wolfhagen noch weitere 33 Jungen und Mädchen sein, sagt Ute Töpfer-Rauchmaul aus Espenau. Die gebürtige Geraerin ist die Vorsitzende des Vereins Jugendweihe Ostthüringen und kümmert sich seit ihrem Umzug im Jahr 2008 nach Espenau um junge Leute aus Nordhessen, die eine Jugendweihe wünschen.

Seit zwölf Jahren wird in Kassel Jugendweihe gefeiert. Anfangs hätten sich vor allem Kinder von Eltern aus den östlichen Bundesländern für das Fest interessiert. Inzwischen meldeten sich bei ihr aber auch Jugendliche an, die keine ausgeprägte Verbindung zum Osten hätten, die aber eine Alternative zu den christlichen Ritualen suchten. „Den jungen Leuten geht es darum, eine Feier zu haben, bei der sie im Mittelpunkt stehen“, sagt Töpfer-Rauchmaul.

Der Verein bietet den Jugendweihe-Anwärtern eine Reihe von Veranstaltungen an, deren Besuch aber nicht verpflichtend ist. Ein Anti-Mobbing-Seminar zählt unter anderem dazu, ein Knigge-Training, eine Fahrt ins ehemalige Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar und gemeinsame Reisen. „Ich fände es natürlich schön, wenn die Jugendlichen von den Erlebnissen und den Kontakten zu Gleichaltrigen etwas für ihr Leben mitnehmen könnten“, sagt die 63-Jährige.

Anfangs habe es noch Vorurteile gegen die Jugendweihe gegeben, sagt Töpfer-Rauchmaul. Inzwischen werde in dem Fest immer seltener ein sozialistisches Ritual gesehen. Die Menschen in Nordhessen seien toleranter geworden und akzeptierten die Jugendweihe.

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