Zeitzeuge erinnert sich

Manöver im Kalten Krieg: Als die Panzer die Äcker ruinierten

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Verdreckte Straßen, zerfurchte Äcker: Bei der Divisionsgefechtsübung „Sichere Festung“ pflügten die Kettenfahrzeuge am 12. November 1987 an der Landstraße zwischen Wolfhagen und Bründersen am Gotzenberg ein frisch eingesätes Rapsfeld, kreuzten die Straße und zogen querfeldein weiter. 

Wolfhager Land. Bis Ende der 1980er-Jahre fanden in der Region große Manöver statt. Deutsche, aber vor allem auch britische und belgische Streitkräfte übten den Ernstfall und richteten dabei im Gelände erhebliche Schäden an. 

Hatten die Nase voll: Bürger blockierten im September 1988 während des Manövers „Golden Crown“ die Ortsdurchfahrt von Sand. Panzer, die auch durch Merxhausen mit seiner Klinik ratterten, hingen erst mal fest.

Wolfhager Land. „Die haben gehaust wie die Vandalen“, empörte sich Marianne Waßmuth. Die Bäuerin zeigte fassungslos auf Kampfpanzer der Bundeswehr, die offensichtlich noch nicht fertig waren. Röhrende Kettenfahrzeuge pflügten durch ihren frisch ausgesäten Raps an der Landesstraße zwischen Wolfhagen und Bründersen, querten die verschlammte Straße, um in Richtung Westen über Äcker und Wiesen weiterzuziehen.

29 Jahre ist das jetzt her. Es war der letzte Tag der Divisionsgefechtsübung „Sichere Festung“, bei der 13.200 Soldaten mit 2800 Rad- und Kettenfahrzeugen in der Region den Krieg probten. Horst Röhling erinnert sich noch gut. Der heute 79-jährige Wolfhager leitete damals die Standortverwaltung Bad Arolsen und war für die Aufnahme und Regulierung der Übungsschäden zuständig. Er kannte sich aus mit wütenden Landwirten, konnte sie auch gut verstehen, denn bei den großen im freien Gelände laufenden Übungen nahmen die Truppen selten wirklich Rücksicht auf Feld und Flur.

Dann kam der Regen

„Man hätte ein solch großes Manöver besser auf einem Truppenübungsplatz gefahren“, sagt Röhling heute. Statt dessen spielte es sich vor allem im Wolfhager Land ab. „Am Anfang lief es noch recht gut“, erinnert sich der frühere Staatsdiener. „Dann kam aber am Donnerstag unglaublich viel Regen. Die Felder und Wiesen waren völlig durchtränkt. Die Division hätte die Übung abbrechen müssen.“ Man ließ sie weiterlaufen. Mit fatalen Folgen. Die Übungsschäden allein auf landwirtschaftlichen Flächen summierten sich auf rund 2,5 Millionen Mark (1,25 Euro). Röhling: „Es war so schlimm, dass Ortsvorsteher ihre Patenschaften mit den Kompanien gekündigt haben.“

Nur ein knappes Jahr später, am 12. September, marschierten erneut Truppen ein. Insgesamt 30.000 britische, belgische und deutsche Soldaten übten zwischen Hochsauerland-Kreis und Kassel den Ernstfall. „1988“, blickt Horst Röhling zurück, „da hat vor allem die Gegend um Naumburg böse was abbekommen.“

Schon am ersten Tag der Übung „Golden Crown“ schlugen die Wogen hoch. „Unsere Wälder lassen wir nicht zu Bühnenkulissen ehrgeiziger Kompanie- und Bataillonsführer degradieren“, wetterte damals der Leiter des Wolfhager Forstamtes, Rudolf Hoffmann. Kurz zuvor hatten sich Angehörige der britischen Streitkräfte wie die Axt im Walde aufgeführt, hatten sich mit ihren Panzern in junge Buchenbestände zum Lagern eingeschoben und sie zerstört.

Das Verhältnis zwischen Militär und Bevölkerung sei, gerade auch nach den Erfahrungen des Vorjahres, „sehr frostig“, gewesen, sagt Röhling. Es gab zahlreiche Proteste, aber weniger Schäden als im Jahr zuvor. Die Schadensregulierungstrupps unter Horst Röhlings Führung hatten dennoch gut zu tun.

Dann wurden Konsequenzen gezogen. „Nach diesem Manöver gab es keine freilaufenden Übungen mehr in unserer Gegend“, sagt Horst Röhling, „das lief dann auf Truppenübungsplätzen.“ Die Bevölkerung und vor allem die Landwirte konnten aufatmen.

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