Der blinde Sven Thiele aus Zierenberg startet beim Kassel-Marathon

Der eine sieht mit den Füßen, der andere mit den Augen: Sven Thiele und Walter Fiebig aus Zierenberg sind längst ein eingespieltes Team und gehen morgen beim Kassel-Marathon an den Start. Foto: zhf

Zierenberg. Er läuft, als hätten seine Füße Augen. Augen, die er benötigt, um sicher durch Wiesen und Felder, über Straßen und Wege zu laufen.

Auf sein Augenlicht nämlich kann er sich nicht verlassen. Sven Thiele ist blind, und das seit seiner Geburt. Am Sport hindert ihn das dennoch nicht. „Ich kenne es ja nicht anders“, sagt der 30-Jährige, der in jungen Jahren als Leistungsschwimmer aktiv war und aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste. „Der sportliche Ehrgeiz aber steckt immer noch in mir“, sagt er und hat sich deshalb seit einiger Zeit dem Laufsport verschrieben, mit einem bestimmten Ziel vor Augen: die Teilnahme am Kassel-Marathon.

Am Sonntag ist es soweit, und dafür hat der EDV-Fachmann monatelang eifrig trainiert. Auf seine sehenden Füße allein kann und will er sich bei seinem Hobby allerdings nicht verlassen. „Das würde auch nicht funktionieren“, sagt er und ist froh, Walter Fiebig an seiner Seite zu wissen. Fiebig ist sein Begleitläufer, mit dem er die Laufstrecken der Region unsicher macht. Es passe einfach zwischen den beiden, von der Schrittlänge, der Ausdauer bis hin zum Laufstil, und das sei keinesfalls selbstverständlich. „Drei Begleitläufer habe ich vor ihm verschlissen“, so der Zierenberger lachend. Mit Walter aber funktioniere es super.

Ein enges Band verbindet die zwei Laufcracks, und das tatsächlich im wahrsten Sinne des Wortes. „Wir sind durch einen Schnürsenkel miteinander verbunden, über den ich Bewegungen wahrnehme und mich auf die Gegebenheiten der Strecke einstelle“, sagt Thiele. Es sei für beide eine enorme Konzentrationssache. Nicht nur er selbst müsse sich komplett auf seinen Laufpartner einlassen, sondern auch umgekehrt. „Zunächst einmal muss er mir vertrauen und sich sicher sein, dass ich auch das mache, was er mir sagt.“ Nur so könnten sie als Team funktionieren, erklärt Thiele, der kein Problem damit hat, wie ein Hund an der Leine durch die Landschaft zu laufen. „Anders geht es nicht, denn die Reaktionszeit ist so einfach wesentlich schneller, als wenn der Begleiter mir zurufen würde, was zu tun ist.“ Vieles sei über die Sprache gar nicht zu kommunizieren, die Schnur hingegen verrate ihm sehr viel über die Bedingungen der Laufstrecke, in Worte fassen könne er das aber nicht. „Mal bin ich vorne, mal er, Walter kann mittlerweile super einschätzen, wann ich beispielsweise bremse oder wie ich mich in unterschiedlichen Situationen verhalte.“

Das Band zwischen den zwei Läufern geht mittlerweile über das Training hinaus, längst sind sie zu engen Freunden geworden. „Wenn man sich blind vertraut, kommt das einfach mit der Zeit“, sagt Fiebig, der Thiele in der Zierenberger Laufgruppe der Langlauf-Sport-Gemeinschaft kennengelernt hat. Seit Anfang des Jahres trainieren sie für ihr gemeinsames Ziel: „Wir wollen morgen den Halbmarathon auf jeden Fall unter zweieinhalb Stunden schaffen“, sagt Thiele, alles andere würde ihn sehr enttäuschen. Doch er hat noch einen weiteren Wunsch: Er wolle als gewöhnlicher Starter wahr- und ernstgenommen werden, nicht als Behinderter. Einfach als ganz normaler Mensch, der lediglich läuft, als hätten seine Füße Augen.

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