Zwischen fünf Stunden und drei Tagen Arbeit pro Auftrag

Jochen Radtke aus Zierenberg ist Tatortreiniger

Zierenberg. Wenn Jochen Radtke mal wieder einen Auftrag bekommen hat, packt er kiloweise Material in seinen schwarzen Van. Absaugvorrichtungen, Eimer, Handschuhe, Schrubber, verschiedene Reinigungs- und Desinfektionsmittel – und Tigerbalsam. Die Salbe schmiert er in die Atemschutzmaske, die er bei der Arbeit trägt. So versucht er, die schlimmsten Gerüche von sich fern zu halten. Der Zierenberger ist Tatortreiniger.

Die bislang aufwändigste Tatortreinigung hatte Radtke im vergangenen Jahr. In 140 Metern Höhe, in der Gondel eines Windrads in der Region, starb ein Mann bei einem Arbeitsunfall. Sobald Polizei und TÜV ihre Ermittlungen abgeschlossen hatten, kam Radtke an die Reihe. Nur die nötigsten Materialien konnte er in dem winzigen Aufzug bis nach oben nehmen. „Ich habe mit der Hand geputzt“, erzählt er. Weil in einen sehr schmalen Schacht Blut gelaufen war, entwickelte er eigens eine Mini-Absauganlage, die die Flüssigkeit aufnehmen konnte.

Zwischen fünf Stunden und drei Tagen dauere es, einen Tatort oder Unfallort so zu reinigen, dass nichts mehr zu sehen ist. Gefühle hält er bei der Arbeit möglichst von sich fern, denkt nicht darüber nach, dass an dem Ort, an dem er schrubbt, kurz vorher eine Tragödie passiert ist. „Ich halte das alles auf Distanz, bin bei der Arbeit hochkonzentriert“, sagt der gebürtige Frankfurter. Und dennoch: So manches Mal klappt das nicht. Nach besonders heftigen Einsätzen liegt er auch manchmal eine Nacht lang wach.

Gesetzeskunde und Virologie

Gehört zum Job: Blutverschmierte Fliesen eines Badezimmers.

Den Anblick von Blut kennt Jochen Radtke seit 1992. Seitdem ist er Rettungssanitäter, vor drei Jahren schloss er dann die Ausbildung zum Rettungsassistent ab. Eine Teilzeit-Stelle hat er beim DRK in Hofgeismar inne. Schon oft musste er Einsatzwagen von Blut säubern, erzählt er. Damit war der Grundstein zum Tatortreiniger gelegt. Zunächst machte er jedoch ein mehrwöchiges Seminar zum staatlich geprüften Desinfektor. Gesetzeskunde, Schutzkleidung, Virologie und Parasitologie standen auf dem Lehrplan. Schließlich folgte der Lehrgang zum Tatortreiniger in Norddeutschland.

Das sei nicht nur ein Job, den man überhaupt nicht planen könne. Auch die Rahmenbedingungen seien oft schwierig. Allzu oft müssen erst Verwandte aufgespürt werden, die für die Reinigung aufkommen. Werden keine gefunden, übernimmt letzten Endes der Staat die Kosten. Bis dahin können allerdings Wochen vergehen.

Für eine relativ einfache Reinigung, bei der lediglich Blut entfernt werden muss, nimmt Radtke knapp unter 1000 Euro. Das beinhalte die Nutzung von Reinigungs- und Desinfektionsmitteln, die Arbeitszeit, die Geruchsbehandlung mit Ozon, die Reinigung seines Spezialanzugs und die Entsorgung der aufgenommenen Flüssigkeit.

Vor acht Jahren gründete Radtke außerdem die Unfalldarstellungs-Gruppe „Crash Art“. 45 Personen aus allen Altersklassen sind dabei, außerdem eine Maskenbildnerin. Mehrmals im Monat seien sie für Übungen im Einsatz. Sogar bei dem Film mit Heino Ferch, der Anfang 2017 in Kassel gedreht wird, wirkt die Gruppe mit.  

Hintergrund

Der Beruf Tatortreiniger: Laut Jochen Radtke sind Desinfektionen bei diesem Job Pflicht. Ein Tatortreiniger brauche deshalb nicht nur ein Zertifikat, das ihn als solchen ausweist, sondern auch eine Ausbildung zum staatlich geprüften Desinfektor. Eine zusätzliche medizinische Ausbildung sei außerdem zu empfehlen, so Radtke.

Der Zierenberger ist Spezialist für Reinigung. Er bietet Grund- und Spezialreinigungen aller Art an, Hygienechecks beispielsweise in Praxen, Erstellen von Hygiene-, Reinigungs- und Desinfektionsplänen, Geruchsbekämpfung zum Beispiel nach Bränden mit der sogenannten Ozonbehandlung.

Weitere Infos zu Jochen Radtke gibt es auf den Internetseiten www.think-care.de und auf www.crash-art.de

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