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Christkind im Sarkophag

Kasseler Kunstwissenschaftler untersuchten Bilder in altfranzösischer Bibel von 1375

Christkind im Sarkophag

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Kassel. Das Jesuskind liegt nicht in der Krippe, sondern in einem Sarkophag. Dem Propheten Jesaja wird der Kopf zersägt. Und ein Engel hebt den Propheten Habakuk an seinem weißen Lockenschopf in die Höhe.

Prachtvolle Miniaturen: Die Bilder aus der Bible historiale zeigen aus dem Matthäus-Evangelium die Geburt Christi (großes Bild), die Anbetung der Könige (rechts oben) und aus dem Buch Jesaja die Hinrichtung des Propheten Jesaja (unten). Fotos: SUB Hamburg / nh, Porträt: Rudolph

Rätselhafte Bilder einer altfranzösischen Historienbibel aus dem 14. Jahrhundert haben Studierende der Kunsthochschule unter Leitung von Prof. Martina Sitt untersucht. Die Ergebnisse sind kürzlich in einem Buch veröffentlicht worden, in dem auch viele der faszinierenden, farbenfrohen Miniaturbilder abgedruckt sind.

Martina Sitt

80 der kleinen quadratischen Bilder finden sich auf den 386 Seiten der Bibel aus dem Besitz des französischen Königs Karl V. aus dem Jahr 1375, die in der Hamburger Kunsthalle aufbewahrt wird. Angesichts der kostbaren Farben – darin sind Edelsteine wie Lapislazuli und Zinnober verarbeitet – mussten die Illustratoren die Geschichte bildlich auf kleinstem Raum umsetzen.

Daher seien die Bilder extrem verdichtet, sagt Prof. Martina Sitt. Die Miniaturen seien fast immer am Anfang der Geschichte platziert, zeigten aber häufig gleichzeitig auch schon ihren Ausgang. Etwa beim Propheten Jesaja, dessen Hinrichtung schon am Beginn des Buchs Jesaja gezeigt wird, obwohl dort noch gar nicht die Rede davon ist. „Der Betrachter bekommt die Geschichte als Ganzes in Kurzform präsentiert, quasi im Zoom“, sagt die 48-jährige Kunsthistorikern, die auf die prachtvolle, aber weitgehend unbekannte Bibel während ihrer früheren Tätigkeit an der Hamburger Kunsthalle aufmerksam wurde.

Die Bilder erzählen schneller

Auch bei der Darstellung der Geburt Christi findet sich das Stilmittel der Verbindung mehrerer Zeitebenen: Die Verkündigung der Engel zu den Hirten auf dem Feld, Maria im Wochenbett, die ihr Kind schon aus der Hand gegeben hat, und der Sarg, der auf den frühen Tod Jesu hinweist. „Mit den Bildern wird auf diese Weise viel schneller und dichter erzählt als im Text“, erklärt Sitt. Weil im Mittelalter die meisten Menschen – möglicherweise sogar die Illustratoren – nicht lesen konnten, lag damals eine viel größere Bedeutung auf dem Bild.

Neben der Darstellung der Geburt selbst wird auf der Seite im Matthäus-Evangelium in einem zweiten Motiv die Anbetung des Jesuskinds durch die Heiligen Drei Könige gezeigt. Zwei Bilder auf einer Seite sind die absolute Ausnahme in der Historienbibel – und Beleg dafür, welches Gewicht auf die Erzählung der Menschwerdung Gottes gelegt wurde.

Wie ungewöhnlich die Auswahl der Motive vielfach ist, zeigt das Bild des Propheten Habakuk. Er wird vom Engel am Schopf gepackt, um ihn samt Brotbeutel und Wasserkrug zu Daniel in der Löwengrube zu bugsieren, der vor dem Verhungern gerettet werden muss. Der zur Illustration dieser Bibel-Geschichte üblicherweise abgebildete Daniel wird dabei außen vor gelassen. Die Miniatur macht stattdessen anschaulich, wie sich Habakuk, ganz auf Gott vertrauend, zu dessen Werkzeug machen lässt, um Gutes zu tun.

Mit ihrer Arbeit haben die Kasseler Kunstwissenschaftler offenbar auch anderswo das Interesse an der Bibel geweckt. Forscher der Königlichen Bibliothek Brüssel wollen jetzt weiter zu der rätselhaften Bilderwelt recherchieren.

„Farbenpracht für königliche Augen“, Hg. von Martina Sitt unter Mitarbeit von Birthe Rieger, Conferencepoint Verlag, 14,80 Euro.

ZUM FACH

Von Katja Rudolph

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