Kassel. Eines hat der Geschichts- und Politikstudent schnell auf dem Kasseler Campus gelernt: Altersweise Ratschläge kommen weder bei seinen jüngeren Kommilitonen noch bei den Professoren gut an. Also hält sich der Rentner aus Sontra, der im Sommer seinen Magister-Abschluss macht, dezent zurück.
Eine Frage, die muss er aber immer wieder beantworten: Warum machen Sie in Ihrem Alter noch ein Studium?
„Ganz einfach“, sagt der Ehemann, Vater und Großvater zweier Enkel: „Interesse“. Für seine berufliche Karriere braucht der Rentner jedenfalls keine akademischen Titel mehr. Der gebürtige Düsseldorfer, der in Bayern aufgewachsen ist, hat bereits ein Maschinenbaustudium und eine berufliche Laufbahn vom Angestellten bei Ford bis zum Chef einer eigenen Firma für Werkzeugbau hinter sich.
Den Ruhestand will Link aber nicht wortwörtlich nehmen: „Aufs Sofa legen, das wäre nichts für mich. Ich brauche eine Aufgabe.“ Er wolle etwas für seine Bildung tun und sei fasziniert vom wissenschaftlichen Arbeiten. Allerdings sei dies für einen Mann in seinem Alter „eine besondere Herausforderung“. Mit fast 70 Jahren noch Latein zu lernen, habe auch ihn an seine Grenzen gebracht.
„Natürlich habe ich mich immer mal wieder gefragt: Muss ich mir das antun?“ Seine Antwort lautete immer: Ja! Neben Politik und Geschichte reizt den 71-Jährigen auch die Konfrontation mit der Jugend. „Ich sehe hier, wie sich die Jugend entwickelt. Ich halte sie für engagierter und disziplinierter als Anfang der 80er-Jahre, als ich mein erstes Studium machte. Normalerweise würde ich das als Rentner kaum mitbekommen.“
Manchmal kommt es noch zu Missverständnissen, wenn Studenten den grauhaarigen Kommilitonen sehen. Sie glauben oft erst, er sei ein Professor. „Wenn ich mich dann aber im Hörsaal nicht nach vorne stelle, ordnen sie mich schnell ein.“ Noch nie habe er erlebt, dass sich jemand über sein Alter lustig machte. „Einmal fragte mich eine Studentin, wie viel Bafög ich bekomme. Da musste ich lachen“, sagt der Rentner. Auch die eigenen Kinder bestärkten ihren Vater bei seinem Studium. Weil seine Frau noch arbeite, sei sie nicht sauer, wenn er drei Tage die Woche auf dem Kasseler Campus verbringe.
Etwas ändert sich im Alter nicht: Die Freude über gute Noten. Und so zeigt Link beim Treffen seinen gerade erworbenen letzten Leistungsschein mit der Höchstnote 15 Punkte. Er strahlt.
Nun muss der Sontraer nur noch seine Abschlussarbeit schreiben. Das Thema: Columbus. „Manche sagen, der war Abenteurer. Aber der wusste genau, was er tat.“ Auf Paul Wilhelm Link, den Rentner unter Jugendlichen, trifft beides zu.
Von Bastian Ludwig



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