Kassel. Heftig demonstrierten im vergangenen Jahr Schüler, Studierende und Auszubildende für bessere Bildung und Ausbildung. Im Sommer sollen wieder Proteste stattfinden.
Wir sprachen mit Holger Kindler, Jugendbildungsreferent des Deutschen Gewerkschaftsbunds in Kassel, über die Gründe für den erneuten Protest.
Herr Kindler, warum wollen die Jugendlichen wieder auf die Straße gehen?
Holger Kindler: Wir gehen wieder auf die Straße, weil sich an den grundsätzlichen Problemen nichts geändert hat. Noch immer zeichnet das gegliederte Schulsystem die Lebenswege vor, noch immer wird zu wenig Geld in Bildung und Ausbildung gesteckt.
Hat sich wirklich gar nichts getan seit den vergangenen Protesten?
Kindler: Unterm Strich ja. Chancengleichheit im Bildungssystem gibt es immer noch nicht. In diese Richtung wird einfach nicht gedacht. Was mit G 8 gemacht wird, ist in meinen Augen nur kosmetisch. Auch im Konjunkturpaket war zu wenig Geld für tief greifende Veränderungen im Bildungssektor.
Gegen was protestieren die Studenten und Schüler nun?
Kindler: Vor allem gegen den immer höheren Leistungs- und Prüfungsdruck. Der siebt viele aus, die bleiben dann auf der Strecke. Aber auch gegen den Mangel an Lehrkräften beziehungsweise zu große Klassen und überfüllte Seminare.
Wo drückt die Auszubildenden der Schuh?
Kindler: Die Auszubildenden stehen vor allem vor der Frage, ob und in welchem Verhältnis sie nach Abschluss ihrer Ausbildung weiter beschäftigt werden. Leih- und Zeitarbeit, aber auch befristete Verträge schaffen große Unsicherheit über die berufliche Zukunft. Dass sich die Ausbildungslage etwas entspannt hat, ist kein Verdienst der Politik, sondern auf die rückläufigen Schulabgängerzahlen zurückzuführen.
Was hat sich an der Qualität des Protests geändert?
Kindler: Neu ist, dass wir die Auszubildenden in diesem Jahr mit ins Boot geholt haben. Im Bündnis „Zukunftsperspektiven erkämpfen“ haben wir uns zusammengeschlossen, weil wir die gleichen Ziele haben. Und die heißen Möglichkeiten für Bildung und Ausbildung, Erhöhung der Bildungsausgaben um mindestens zehn Prozent und kein prekärer Berufseinstieg. Anders als in den Vorjahren sagen wir viel früher und deutlicher, worum es uns geht, und werben dafür.
Mit was für Protestaktionen müssen die Kasseler im Sommer rechnen?
Kindler: Bis zum Protesttag am 9. Juni wird es einige kleinere Protestaktionen in der Stadt geben. Vor allem aber werden wir in Schulen, Betrieben und an der Uni viele Gespräche führen und uns auf den 9. Juni vorbereiten. Es wird dort Aktionsgruppen geben, an denen sich alle beteiligen können. Foto: Baetz
Von Jan Baetz



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