„Sternschnuppe“ lud ein: Blinde Frauen lasen Texte blinder Autorinnen

Dunkel schärft die Sinne

223.04.1023.04.10|Ahne, Espe, Fulda|
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Vellmar. Blind sein für zwei Stunden. In dem Kellerraum der Vellmarer Familienbildungsstätte Die Sternschnuppe sieht man die Hand nicht mehr vor Augen. Jede Lichtquelle ist erloschen. Das soll so sein. Gut 20 Frauen sind der Einladung zu einem Selbstexperiment gefolgt. Sie sitzen dicht an dicht, können sich nur noch hören und – der Parfumgeruch der Nachbarin wird plötzlich viel deutlicher wahrgenommen – riechen.

Lesen mit den Fingern: Heike Herrmann kann selbst fast nichts mehr sehen. Die Marburgerin hat ein Hörbuch mit Texten blinder Autorinnen herausgebracht. Fotos: Binienda-Beer

Lesen mit den Fingern: Heike Herrmann kann selbst fast nichts mehr sehen. Die Marburgerin hat ein Hörbuch mit Texten blinder Autorinnen herausgebracht. Fotos: Binienda-Beer

Nichts zu sehen schärft die verbliebenen Sinne und die Konzentration auf Stimmen. Drei weibliche Gäste der Sternschnuppen-Veranstaltung im Rahmen der Woche für das Leben gehen dauerhaft durch die Welt der Finsternis: Sie sind aus Marburg und Kassel gekommen, um in Vellmar-West bei völliger Dunkelheit als Blinde Texte blinder Frauen vorzulesen.

Gebannt lauschen die Zuhörerinnen den von großer Offenheit geprägten niedergeschriebenen Gedanken und Empfindungen nicht mehr sehender Frauen zum Thema Schönheit. Die Texte sind kritisch und heiter, aufmunternd und selbstreflektorisch. Sie stammen aus der Feder von Autorinnen im Alter zwischen 35 und 79 Jahren und sind vereint in dem vergangenen Herbst herausgekommenen Hörbuch „Blinde - Schönheit“: ein Projekt von Heike Herrmann aus Marburg. Die psychotherapeutische Heilpraktikerin und Supervisorin, von Haus aus Magistra der Vergleichenden Religionswissenschaft, leidet seit mehr als vier Jahrzehnten an der Augenkrankheit Retinopatia Pigmentosa und steht unmittelbar vor der endgültigen Erblindung. Ihre therapeutische Arbeit hat die 49-Jährige unter das Motto gestellt „Glücklich mit Behinderung leben“.

Mut machen

Blinden Leidensgenossinnen macht sie Mut, sich nicht als graue Mäuse zu fühlen, den „roten Teppich der Weiblichkeit“ nicht zu verlassen oder aber dorthin zurückzukehren.

Ihr öffentlicher Aufruf an erblindende und blinde Frauen, ihren Mut zur Schönheit und ihr weibliches Selbstverständnis in persönlichen Worten auszudrücken, erfuhr bundesweit eine enorme Resonanz. 15 ausgewählte Texte, darunter drei eigene, brachte Heike Herrmann als Hörbuch im Eigenverlag heraus. Als Vorleserinnen begleiteten sie Lilo Mink und Karla Schöpmans aus Kassel.

Die Flüssigkeit der Vorträge beim Lesen der Punktschrift mit den Fingern erfüllt die Zuhörerinnen mit tiefer Bewunderung für diese Fertigkeit. Das Gehörte, Anrührendes aus dem Seelenleben der Autorinnen, formt sich in den Köpfen zu ausdrucksstarken Bildern von lebensbejahenden Frauen, intensiver als beim Zuhören mit geöffneten Augen. Nach zwei Stunden fällt wieder Licht in den Raum, die Zeitreise in die Dunkel-Welt ist für die Sehenden zu Ende.

Sie haben Einschränkung und Gewinn erfahren, einerseits den Blickkontakt vermisst beim Gespräch, andererseits während der Lesung vor dem inneren Auge besonders intensive Bilder gesehen.

Infos: Das Hörbuch „Blinde -Schönheit, authentische Texte und Fotos von blinden Frauen“, im Handel als Audiobuch (3 CD’s) für 19,95 Euro oder als Daisy-Buch (Hörbuch auf CD-Rom mit Navigationsmöglichkeit) für 16,95 Euro. Näheres zu Heike Herrmann und ihrer therapeutischen Arbeit unter www.captain-handicap.de

Von Dorina Binienda-Beer

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