Vellmar. „Einer der menschlich anrührendsten Autoren, die bei uns gelesen haben“, erinnert sich Katharina Engelhardt vom Literaturverein Ecke und Kreis heute an einen Abend im Mai 2010.
Da hatten nämlich 200 Literaturfreunde im Bürgerhaus Vellmar-West die Gelegenheit, den künftigen Bundespräsidenten Joachim Gauck live zu erleben, als er zwei Stunden lang aus seinen Erinnerungen mit dem Titel „Winter im Sommer - Frühling im Herbst“ las.
Mai 2010, das war kurz vor dem Rücktritt von Bundespräsident Horst Köhler. Müde habe Gauck ausgesehen, als er aus dem Zug gestiegen sei, erinnert sich Buchhändlerin Engelhardt, die Gauck - wie andere Autoren auch - direkt über seinen Verlag gebucht hatte. „Aber im Gespräch und später auf der Bühne war er hellwach und munter.“ Engelhardt hatte Gauck zuvor in einem Interview im Fernsehen gesehen. Das habe ihr so „ans Herz gegriffen“, dass sie ihn nach Vellmar holte.
Es wurde eine denkwürdige, emotionale Lesung in Vellmar. Als der Autor, der 2009 in Kassel schon den Preis „Glas der Vernunft“ erhalten hatte, davon erzählte, wie seine zwei Söhne und später auch seine Tochter in den Westen gingen und er zurückblieb, „rollten beim Lesen die Tränen“, erinnert sich Engelhardt. „Wir merkten, dass er sich dieses Buch hart erarbeitet hat.“ Da sei im Kontakt zum Publikum „ganz viel Nähe und Wärme“ gewesen.
Man hatte das Gefühl, als ob man mit einem alten Freund zusammensitzt.“
Katharina Engelhardt
Aber Joachim Gauck las nicht nur, sondern schweifte auch ab und erzählte, wie früher in der DDR das „Zettelfalten“ außerhalb der Wahlkabine vor sich gegangen sei und welcher Mut dazugehört habe, die Wahlkabine aufzusuchen, die ganz am anderen Ende des Wahlraumes gestanden habe. Um den Wahlschein ungültig zu machen, sei es notwendig gewesen, alle Namen auf dem Wahlschein durchzustreichen. Am 18. März 1990 habe er dann zum ersten Mal mit 50 Jahren an einer freien Wahl teilnehmen können und er habe sich geschworen, „dass ich nie, nie, nie wieder eine Wahl versäumen werde“, sagte er damals.
Kein Wunder, dass nach der Lesung im Bürgerhaus noch viele Besucher in großer Runde mit Joachim Gauck beim Glas Rotwein zusammensaßen. „Am Ende hatte man das Gefühl, als ob man mit einem guten alten Freund zusammensitzt“, denkt Katharina Engelhardt gern an diesen Maiabend zurück. (swe/zmb)



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