Besuch in der Silber-Cammer

Die Schau „Pokalspiel“ präsentiert im Museum Schloss Wilhelmshöhe in Kassel den Schatz der Landgrafen

Besuch in der Silber-Cammer

421.05.1021.05.10|Kultur|
Artikel drucken|Artikel empfehlen|Schrift  a /  A||

Kassel. „Prunk Macht Spaß“ lautete lange der Arbeitstitel der Ausstellung „Pokalspiel“ im Museum Schloss Wilhelmshöhe in Kassel: Die Silberkammer der hessischen Landgrafen, deren größte Kostbarkeiten bis 5. September präsentiert werden, war symbolischer Ausdruck ihrer Macht.

Willkommen: So hießen die Trinkgefäße, aus denen vor Festlichkeiten der Begrüßungsschluck genommen wurde, wie noch heute Sekt bei Partys - hier drei Beispiele. Der Pokal rechts fasste allerdings mehr als einen Schluck, nämlich 1,14 Liter. Scherner: „Da war die Stimmung super.“ Fotos: Koch

Aber der Hof hatte - bei Jagden und rauschenden Festen - auch seinen Spaß mit dem Prunk. Und Spaß macht es, die intelligent und unkonventionell eingerichtete Schau zu besuchen. Nicht nur, weil man staunt über Pracht und künstlerischen Reichtum der vergoldeten Silbergefäße sowie über exotische Straußeneier, Nautilus und Rhinozeroshorn. Sondern auch, weil Bedeutung und Funktion der Kostbarkeiten anschaulich erklärt werden: „Die Silberkammer war wie ein Wertpapierdepot“, sagt Antje Scherner, Leiterin der Sammlung Angewandte Kunst der Museumslandschaft Hessen Kassel. Die Stücke waren Kapitalanlage, zumal sie, falls nötig, eingeschmolzen wurden, und sie verdeutlichten den Rang der Fürsten und ihre politisch-dynastischen Ansprüche.

„Frisch und frech“, sagt die Kuratorin, habe man die 70 Exponate inszenieren wollen. „Man kann viel lesen“, sagt Scherner über die Texttafeln, „aber man muss es nicht.“ Es sei verblüffend, wie viel man erzählen könne über die Schätze, die einst in zwei vollgestopften Räumen des Landgrafenschlosses verwahrt wurden.

Herrliche Anekdoten kennt sie von Hochzeiten, „aberwitzigen Erbstreitigkeiten“, Gastgeschenken und Trophäen bei Turnieren, Löwen, Schiffspokalen und Sturzbechern, mit denen Wein auf Ex geleert werden musste. Sie weiß auch den Wert der Preziosen: Einer der „Rembrandts“ der Sammlung, eine fünf Kilogramm schwere Kanne aus dem Besitz der Grafschaft Katzenelnbogen, hatte einen Materialwert von 157 Talern - das entsprach 8635 Kilogramm Weizen.

Zu Beginn lernt man viel über die Geschichte Hessens nach dem Tod Philipps des Großmütigen und die Aufteilung seines Territoriums auf die Söhne, die sich in der Historie des Silbers widerspiegelt. Der älteste, Wilhelm IV. von Hessen-Kassel (er regierte 1567-1592), gründete die „Silber-Cammer“. Er erklärte elf Stücke zum unveräußerlichen Besitz, der immer in der Residenz bleiben sollte. Fünf haben den Zweiten Weltkrieg überstanden und sind in der Schau besonders hervorgehoben.

Scherner weiß, dass man in Ausstellungen „am Anfang treuherzig alles liest“ und dann die Konzentration nachlässt. Deshalb „wird es immer spielerischer und interaktiver, man kann sich treiben lassen und sich der Schönheit der Objekte überlassen“. Ein wunderschönes so genanntes Silberbüfett etwa versammelt repräsentative Pokale.

Man kann sich auch, nach einem Blick ins nachempfundene fürstliche Depot, als Gast eines Festmahls fühlen, das in ein Gelage ausartet. Kunstvoll-barock gefaltet hat Joan Sallas (Freiburg) 1,70 Meter lange Leinen-Servietten. Dann eine Trennwand, dahinter ein Branntweinfass, die Tischdecke ist verrutscht, Gefäße sind umgeworfen. Hier, so scheint es, wurde kräftig gebechert.

Von Mark-Christian von Busse

zurück zur Übersicht: Kultur

Schliessen

Artikel empfehlen

Empfehlen Sie diesen Artikel Ihren Freunden und Bekannten!

Fehleranzeige ausblenden

Es sind Fehler aufgetreten!

  • Fehlertext

Bitte berichtigen Sie oben aufgeführte Fehler und klicken danach noch einmal auf den Absenden Button.

Fehleranzeige ausblenden

Schwere Fehler sind aufgetreten!

  • Fehlertext

Bitte setzen Sie sich mit der technischen Abteilung in Verbindung.

  • Fehlertext

Achtung!

  • Fehlertext

Nicht alle Aufgaben konnten abgearbeitet werden.

Radio in neuem Fenster starten.
Streaming-Links des Internetsenders: mp3 in 128kbit/s und aac in 48kbit/s.

Kommentare

VideosKultur

300NL4S1XjS5KP6_4F0ZEKch-atXF0F1Sn55G2RvXiv3uw./static/common/img/group24/videohttp://www.hna.de/videos/4133147800111816942001window

Meist gelesene Artikel

  • heute
  • 7 Tage
  • Meist kommentiert (7 Tage)
Kabarett ist nur sein Spielbein: Der Kasseler Lehrer Florian Brauer

Kassel. Wer kann schon sagen, er habe einen Lehrer, der abends auf der Bühne steht? Schüler der Heinrich-Schütz-Schule. Florian Brauer, Lehrer und selbst ernannter „Musik-Paparazzo“, präsentiert am Donnerstag im Kasseler Theaterstübchen sein gleichnamiges Kabarettprogramm.Mehr...

Unser Star für Baku: Die Spannung ist raus

Kassel. „Wir sehen uns schon am Montag wieder“ sagte Moderator Steve Gätjen letzten Donnerstag am Ende der vierten von acht „Unser Star für Baku“-Sendungen. Es klang wie eine Drohung. Denn dieses Casting-Format ist seit der Vorrunde nur noch eines: langweilig.Mehr...

Unser Star für Baku: Die Spannung ist raus

Kassel. „Wir sehen uns schon am Montag wieder“ sagte Moderator Steve Gätjen letzten Donnerstag am Ende der vierten von acht „Unser Star für Baku“-Sendungen. Es klang wie eine Drohung. Denn dieses Casting-Format ist seit der Vorrunde nur noch eines: langweilig.Mehr...

NachrichtenSportVideosMagazinServiceAnzeigenHNA-KartenserviceMeine HNA

Artikel lizenziert durch © hna
Weitere Lizenzierungen exklusiv über http://www.hna.de