Superbanner

Friedensgefühl mit Honigbroten

Neu im Kino: Doris Dörries „Glück“ basiert auf einer Kurzgeschichte von Ferdinand von Schirach

Friedensgefühl mit Honigbroten

    • recommendbutton_count100
    • 0
    • 0

Am Anfang von Doris Dörries Film „Glück“ stehen Bilder der Erinnerung: Ein altes Bauernhaus irgendwo in Osteuropa. In der Küche füllt die Mutter goldenen Honig in Gläser. Aber dann donnern Panzer eines namenlosen Bürgerkriegs heran. Als Irina (Alba Rohrwacher) nach Hause kommt, liegen ihre Eltern mit durchgeschnittener Kehle auf dem Küchenboden, ein Soldat vergewaltigt das Mädchen, das danach flüchtet.

Das kleine Idyll: Vinzenz Kiefer als Kalle und Alba Rohrwacher als Irina. Foto:  dapd

Das kleine Idyll: Vinzenz Kiefer als Kalle und Alba Rohrwacher als Irina. Foto:  dapd

Irina landet in Berlin, wo sie ohne Aufenthaltsgenehmigung ihren Lebensunterhalt als Prostituierte verdient. Mit platinblonder Perücke stöckelt sie über das Wilmersdorfer Pflaster, während sich der obdachlose Punk Kalle (Vinzenz Kiefer) mit seinem Hund im Hauseingang gegenüber für die kalte Winternacht einrichtet. Vorsichtig tasten sich die beiden zueinander vor.

Als Irina eine eigene Wohnung anmietet, in der sie auch ihre Freier empfängt, nimmt sie Kalle bei sich auf. Zwar sticht sich Irina immer noch, wenn die Erinnerungen an die Grausamkeiten der Vergangenheit über sie kommen, Stecknadeln in den Oberschenkel, aber mit Kalle, der wenig Fragen stellt und trotzdem vieles versteht, findet sie Momente romantischer Ruhe. Wenn die beiden tagtäglich beim Frühstück zusammen Honigbrote essen, sitzt das Glück in all seiner Schlichtheit mit am Tisch.

Aber dann stirbt ein Freier in Irinas Bett. Als Kalle die Leiche im Zimmer entdeckt, beginnt er unter Zuhilfenahme eines elektrischen Küchenmessers das gefährdete Glück zu verteidigen.

Doris Dörries widmet sich in ihrer überschaubaren Liebesgeschichte dem einfachen Wesen des Glücks. Als Vorlage diente eine Kurzgeschichte Ferdinand von Schirachs, von deren nüchterner Erzählweise in Dörries Adaption allerdings kaum etwas übrig bleibt, auch wenn der Film in seinem letzten Viertel überraschend freimütig ins Genre des Splatter-Filmes abdriftet.

Ohne diesen Ausflug ins Groteske würde „Glück“ allerdings auch in menschelnder Bedeutungslosigkeit verebben. Abgesehen von der italienischen Schauspielerin Alba Rohrwacher („Die Einsamkeit der Primzahlen“), die den Schmerz und den Lebenswillen in ihrer Figur souverän nebeneinander existieren lässt, leidet der Film erheblich an Glaubwürdigkeitsdefiziten.

Vinzenz Kiefer kann man noch so viele Piercings ins Gesicht stechen - in der Rolle des Punks ist der moderat verlotterte Schönling eine vollkommene Fehlbesetzung.

Auch die Bilder, die Dörrie aus der vermeintlichen Hauptstadt-Tristesse herausfiltert, kommen nur selten aus den vorformatierten Berlin-Klischees heraus. Die Randbezirke der Gesellschaft werden hier sichtbar aufgehübscht, damit die Arm-aber-glücklich-Liebesgeschichte nicht ins Stocken gerät. Das alles macht aus „Glück“ keinen schlechten, aber einen viel zu gut gemeinten Film, der gegen die soziale Wirklichkeit anträumt, ohne sie überhaupt wahrnehmen zu wollen.

Genre: Drama

Altersfreigabe: ab 16

Wertung: !!!::

www.hna.de/kino

Von Martin Schwickert

zurück zur Übersicht: Kultur

Kommentare

Kultur aktuell

Wechselt Kent Nagano nach Hamburg?

Wechselt Kent Nagano nach Hamburg?

München - Kent Nagano, noch bis Sommer 2013 Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, ist heißer Kandidat für den Posten als musikalischer Chef der Hamburgischen Staatsoper.Mehr...

Wirbel um ZDF-Intendant: Bellut macht sich über Publikum lustig

Wirbel um ZDF-Intendant: Bellut macht sich über Publikum lustig

Berlin. Wirbel um ZDF-Intendant Thomas Bellut: In einer Rede bei der „Medianight“ der CDU macht er sich über das Alters des ZDF-Kernpublikums lustig.Mehr...

Meist gelesen

  • Heute
  • Letzte 7 Tage
  • Themen

"Es grüßt das Klischee" - Polizeiruf aus Halle in der Kritik

"Im „Polizeiruf 110: Bullenklatschen“ aus Halle bekam jeder sein Fett weg: Ein Polizist wurde erschossen, die linke Szene wurde in ein schlechtes Licht gerückt und eine Spinne wurde ihrer Freiheit beraubt." Eine TV-Kritik von HNA-Volontärin Claudia Schittelkopp:Mehr...

Artikel lizenziert durch © hna
Weitere Lizenzierungen exklusiv über http://www.hna.de

Neues Passwort zusenden

Bitte geben Sie ihre E-Mail Adresse an, wir senden Ihnen ein neues Passwort zu.

Bitte warten

Es wird etwas gemacht.

  • recommendbutton_count100
Schließen

Druckvorschau

Artikel:

Schließen

Artikel Empfehlen

Empfehlen Sie diesen Artikel Ihren Freunden und Bekannten!

Fehleranzeige ausblenden

Es sind Fehler aufgetreten!

  • Fehlertext

Bitte berichtigen Sie oben aufgeführte Fehler und klicken danach noch einmal auf den Absenden Button.

Fehleranzeige ausblenden

Schwere Fehler sind aufgetreten!

  • Fehlertext

Bitte setzen Sie sich mit der technischen Abteilung in Verbindung.

  • Fehlertext

Achtung!

  • Fehlertext

Nicht alle Aufgaben konnten abgearbeitet werden.

SkyScraper