Am Anfang von Doris Dörries Film „Glück“ stehen Bilder der Erinnerung: Ein altes Bauernhaus irgendwo in Osteuropa. In der Küche füllt die Mutter goldenen Honig in Gläser. Aber dann donnern Panzer eines namenlosen Bürgerkriegs heran. Als Irina (Alba Rohrwacher) nach Hause kommt, liegen ihre Eltern mit durchgeschnittener Kehle auf dem Küchenboden, ein Soldat vergewaltigt das Mädchen, das danach flüchtet.
Irina landet in Berlin, wo sie ohne Aufenthaltsgenehmigung ihren Lebensunterhalt als Prostituierte verdient. Mit platinblonder Perücke stöckelt sie über das Wilmersdorfer Pflaster, während sich der obdachlose Punk Kalle (Vinzenz Kiefer) mit seinem Hund im Hauseingang gegenüber für die kalte Winternacht einrichtet. Vorsichtig tasten sich die beiden zueinander vor.
Als Irina eine eigene Wohnung anmietet, in der sie auch ihre Freier empfängt, nimmt sie Kalle bei sich auf. Zwar sticht sich Irina immer noch, wenn die Erinnerungen an die Grausamkeiten der Vergangenheit über sie kommen, Stecknadeln in den Oberschenkel, aber mit Kalle, der wenig Fragen stellt und trotzdem vieles versteht, findet sie Momente romantischer Ruhe. Wenn die beiden tagtäglich beim Frühstück zusammen Honigbrote essen, sitzt das Glück in all seiner Schlichtheit mit am Tisch.
Aber dann stirbt ein Freier in Irinas Bett. Als Kalle die Leiche im Zimmer entdeckt, beginnt er unter Zuhilfenahme eines elektrischen Küchenmessers das gefährdete Glück zu verteidigen.
Doris Dörries widmet sich in ihrer überschaubaren Liebesgeschichte dem einfachen Wesen des Glücks. Als Vorlage diente eine Kurzgeschichte Ferdinand von Schirachs, von deren nüchterner Erzählweise in Dörries Adaption allerdings kaum etwas übrig bleibt, auch wenn der Film in seinem letzten Viertel überraschend freimütig ins Genre des Splatter-Filmes abdriftet.
Ohne diesen Ausflug ins Groteske würde „Glück“ allerdings auch in menschelnder Bedeutungslosigkeit verebben. Abgesehen von der italienischen Schauspielerin Alba Rohrwacher („Die Einsamkeit der Primzahlen“), die den Schmerz und den Lebenswillen in ihrer Figur souverän nebeneinander existieren lässt, leidet der Film erheblich an Glaubwürdigkeitsdefiziten.
Vinzenz Kiefer kann man noch so viele Piercings ins Gesicht stechen - in der Rolle des Punks ist der moderat verlotterte Schönling eine vollkommene Fehlbesetzung.
Auch die Bilder, die Dörrie aus der vermeintlichen Hauptstadt-Tristesse herausfiltert, kommen nur selten aus den vorformatierten Berlin-Klischees heraus. Die Randbezirke der Gesellschaft werden hier sichtbar aufgehübscht, damit die Arm-aber-glücklich-Liebesgeschichte nicht ins Stocken gerät. Das alles macht aus „Glück“ keinen schlechten, aber einen viel zu gut gemeinten Film, der gegen die soziale Wirklichkeit anträumt, ohne sie überhaupt wahrnehmen zu wollen.
Genre: Drama
Altersfreigabe: ab 16
Wertung: !!!::
www.hna.de/kino
Von Martin Schwickert



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