„Ganz weit weg sind wir nicht“

Helgolands Bürgermeister Frank Botter über das Album „Heligoland“ der britischen Band Massive Attack

„Ganz weit weg sind wir nicht“

1107.02.1007.02.10|Kultur|1 Kommentar
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Massive Attack waren eine der wichtigsten Bands der 90er-Jahre. Das Duo aus dem englischen Bristol erfand den TripHop, jene Mischung aus Soul, langsamen HipHop-Beats und viel Melancholie, die lange den Sound in Clubs und Lounges bestimmte. Nach sechs Jahren Pause melden sich Grant Marshall und Robert Del Naja zurück. Auf ihrem neuen Album „Heligoland“ sind Gastsänger wie Damon Albarn und zeitlos schöne Songs zu hören. „Heligoland“ ist der englische Name von Deutschlands einziger Hochseeinsel. Wir telefonierten mit Helgolands Bürgermeister Frank Botter.

Blick auf Helgoland: 1890 trat England das Eiland im „Helgoland-Sansibar-Vertrag“ an Deutschland ab. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten die Briten, die 1,7 Quadratkilometer große Nordseeinsel durch die größte nichtnuklerae Sprengung der Geschichte zu zerstören. Seit 1952 gehört sie wieder zu Deutschland. Heute leben auf Helgoland, das zum Kreis Pinneberg zählt, fast 1500 Menschen, die sich vor allem um die Lange Anna (unten rechts) sorgen. Der Sandstein-Klotz ist vom Einsturz bedroht und nicht zu retten. Foto: Picture-Alliance

Blick auf Helgoland: 1890 trat England das Eiland im „Helgoland-Sansibar-Vertrag“ an Deutschland ab. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten die Briten, die 1,7 Quadratkilometer große Nordseeinsel durch die größte nichtnuklerae Sprengung der Geschichte zu zerstören. Seit 1952 gehört sie wieder zu Deutschland. Heute leben auf Helgoland, das zum Kreis Pinneberg zählt, fast 1500 Menschen, die sich vor allem um die Lange Anna (unten rechts) sorgen. Der Sandstein-Klotz ist vom Einsturz bedroht und nicht zu retten. Foto: Picture-Alliance

Herr Botter, schön, dass wir Sie erreichen. Heute morgen waren Sie nicht im Büro.

Frank Botter: Ich hatte einen Termin auf dem Festland und war dann erst mal im Funkloch. Auf hoher See gibt es keine Handy-Verbindung.

Haben Sie Massive Attacks „Heligoland“ schon gehört?

Botter: Noch nicht, aber ich habe davon erfahren. Es ist nicht so meine Musikrichtung. Ich bin 53 und höre eher Sachen wie Deep Purple.

Es gibt zwar schon Anton Bruckners Chorwerk „Helgoland“, fühlen Sie sich trotzdem geehrt?

Botter: Ich sage es anders herum: Die haben sich den richtigen Ort als Namen ausgesucht. Helgoland ist in aller Munde. In Deutschland gibt es kaum einen Menschen, der diese Insel nicht kennt. Von dem Namen kann man nur profitieren. Er bedeutet Heiliges Land und ist eine Eindeutschung aus dem Altfriesischen.

Fast 1500 Menschen leben auf Helgoland. Werden die jetzt alle Massive-Attack-Fans?

Botter: Das denke ich nicht. Gesprächsthema auf der Straße ist die Musik noch nicht, nur in Internetforen tauschen sich die Leute darüber aus. Ich habe ja eine gute Mischung aus Einwohnern. Hier leben nicht nur alte Menschen. Saisonbedingt kriegen wir viele junge Menschen, die auf Helgoland arbeiten.

Den Sänger Robert Del Naja fasziniert, dass Helgoland „mitten im Nirgendwo“ liegt und den meisten Personen „absolut unwichtig“ erscheine. Das klingt nicht sehr charmant.

Botter: Ich vermute mal, dass er noch nie hier war.

Stimmt.

Botter: Dann darf er auch nicht über unsere Insel urteilen - so wie ich nichts über das Album sagen kann, weil ich es noch nicht gehört habe. Aber so viel steht fest: Helgoland ist ein tolles Produkt. Wir sind die einzige deutsche Hochseeinsel. Wir haben eine tolle Geschichte. Viele denken nur an den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit, aber die Insel ist ja 250 Millionen Jahre alt. Ab 800 nach Christus lebten schon Menschen hier. Heute haben wir das größte frei lebende Raubtier Europas hier: die Kegelrobbe. Außerdem gibt es auf Helgoland unbeschreibliche Natur und keine Autos.

Das klingt gut. Demnächst gibt es eine weitere Attraktion. Massive Attack planen ein zweitägiges Festival auf Helgoland.

Botter: Davon weiß ich nichts. Das können sie gern machen, die Ersten wären sie allerdings nicht. Wir hatten schon Achim Reichel hier. Und die Toten Hosen haben auch schon hier gespielt. Ganz weit weg sind wir ja nicht.

Trotzdem spüren Sie auch die Krise. Früher kamen dank der zollfreien Butterfahrten mehr als 800 000 Tagesgäste pro Jahr auf die Insel. Heute sind es nur noch 280 000.

Botter: Wenn man auf dem Festland Straßen und Gleise sperren würde, hätten die Urlaubsorte dort auch weniger Gäste. An dem Rückgang sind die Reedereien schuld, die die großen Schiffe vom Fahrplan genommen haben. In der Hauptsaison fahren nicht mehr vierzehn Schiffe pro Tag, sondern nur noch vier. Aber wir sind nach wie vor Duty-free-Zone. Bei uns kann man günstig Spirituosen und Bekleidung kaufen. Waren Sie schon mal auf Helgoland?

Nein.

Botter: Dann kommen Sie doch mal vorbei.

Das mach ich vielleicht, wenn Massive Attack bei Ihnen spielen.

Massive Attack: Heligoland (Virgin / Emi). Wertung: !!!!:

Von Matthias Lohr

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