Kassel. Es dürfte einmalig sein, dass Mitglieder und Gäste des Kasseler Kunstvereins zu einem Lied wie „Felicita“ von Al Bano & Romina Power rhythmisch klatschen wie im Bierzelt. Wobei die Beschallung aus dem Ghetto-Blaster ein schnelles, unerwartetes Ende fand: Mit einem Feuerlöscher setzte Romina Abate das Abspielgerät außer Gefecht.
Abate, Aki Carstens und Susanne Wagner, Kommilitoninnen an der Kunsthochschule Kassel, zählten als „Initiative für temporäre Zusammenarbeit“ (itz) am Freitagabend im Fridericianum zu sieben Künstlern, die Performances aufführten. Die Dinge kehrten sich an diesem Abend um: Das Menü beim Festessen zum 175-jährigen Bestehen des Kunstvereins stand fest, auf einer „Speisekarte“ konnten die knapp 70 Besucher jedoch als Extra-Häppchen künstlerische Aktionen bestellen - für sich selbst (für 1,75 Euro), den Tisch (5,71) oder den Saal (17,50).
Die Gäste ließen sich nicht lange bitten. Während Köstlichkeiten wie Cremesüppchen aus Muskatkürbis, Auberginen im Parmesan-Ei-Mantel und Apfel-Walnuss-Risotto, mit Speck, Sardellen und Salbei gefüllte Kartoffeln, Hähnchenbrustfilet und Schmandmousse aufgetischt wurden (zubereitet vom Catering-Team um Staatstheater-Kantinen-Pächter Stephan Briggl), war ständig irgendwo irgendwas los: Jens Thomas sang auf Wunsch, verwandelte Gläser in Instrumente, Max Christian Graeff rutschte auf Knien mit Spielpuppen heran, Arno Arts rauchte eine Zigarre, deren Spitze nach Art einer Wunderkerze abbrannte, Abate und ein Gast fuhren auf Rollschuhen, Matthias Schamp rezitierte Texte und ließ sich bemalen.
Oder er bat darum aufzuschreiben, was einem am meisten leid tut. Dann machte es puff: Den Zettel brannte er inklusive explodierenden Krachern ab. Ertönte ein Pfiff, gab’s eine Performance auf der Bühne: Schamp bemalte sich (in der Unterhose) mit schwarzen Pinselstrichen, während er einen Liedtext des 20er-Jahre von Otto Reuter vortrug, Abate (so etwas wie der Star des Abends) kämpfte heroisch mit Föhnen, die sie mit Klebeband aneinander befestigte, um so einen Drachen steigen zu lassen. Kurzerhand trugen die drei Studentinnen Gäste mitsamt Stuhl von Tisch zu Tisch.
Das Ganze war ein großer Spaß, ironisch, kurzweilig und amüsant, hatte etwas von bizarrem Jahrmarkt-Vergnügen und Zirkus, wo man plötzlich in die Manege geholt wird. Die Form, sich Kunst gegen Barzahlung servieren zu lassen, und Worte über Kunst, Geld und Geschmack an den Wänden gaben aber auch zu Diskussionen am Tisch Anlass.
„Kunst ist Prostitution“, war da Charles Baudelaire zitiert. Ist Kunst eine Ware oder Dienstleistung wie jede andere? Wie wird der Wert von Kunst festgelegt? Kunst ist, was das Leben interessanter als Kunst macht, hat Robert Filliou gesagt. Also: Es war ein geglücktes Gala-Dinner. www.kasselerkunstverein.de
Von Mark-Christian von Busse



Empfehlen Sie diesen Artikel Ihren Freunden und Bekannten!
Bitte berichtigen Sie oben aufgeführte Fehler und klicken danach noch einmal auf den Absenden Button.
Bitte setzen Sie sich mit der technischen Abteilung in Verbindung.
Nicht alle Aufgaben konnten abgearbeitet werden.