James macht Licht im Weinberg

Warum es für das einzige Turrell-Museum der Welt keinen besseren Ort gibt als ein Hochtal in den Anden

James macht Licht im Weinberg

010.06.1010.06.10|Kultur|
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Colomé. 3500 Besucher kamen im ersten Jahr. Insgesamt. „Macht etwa zehn Leute pro Tag“, sagt Bernardo und strahlt. Weiß der Mann, der uns durch das einzige James-Turrell-Museum der Welt führt wird, was er da sagt?

Bestechende Lage: Viele Kunstliebhaber aus den Europa, den USA und Asien dürften sich kaum nach Colomé verirren. Sie ahnen nicht, was sie versäumen - zumal nicht nur die Exponate exzellent sind. Auch der Wein ist es. Fotos:  Busch / Florian Holzherr / nh

Bestechende Lage: Viele Kunstliebhaber aus den Europa, den USA und Asien dürften sich kaum nach Colomé verirren. Sie ahnen nicht, was sie versäumen - zumal nicht nur die Exponate exzellent sind. Auch der Wein ist es. Fotos:  Busch / Florian Holzherr / nh

Vor der majestätischen Kulisse schneebedeckter Sechstausender, in einem Anden-Hochtal auf 2300 Metern, also Welten entfernt von der internationalen Kunstszene, hat der Schweizer Kunstsammler, Weinproduzent und Unternehmer Donald M. Hess seinem Lieblingskünstler, dem Amerikaner James Turrell, ein Denkmal gesetzt.

Inmitten der Rebstöcke der Bodega Colomé in Argentinien macht der vollbärtige Künstler in dem schroffen Natursteinbau vor allem eins: Licht. Er beleuchte nichts, er forme Licht, so dass man dessen Präsenz fühlen könne, hat Turrell zur Eröffnung im April 2009 in einem Interview gesagt. Weil es eine kraftgeladene Substanz sei.

Wie wahr. In den zwölf Räumen des Museums muss der Betrachter das Sehen neu erlernen. Optische Täuschungen und verschwimmende Konturen reduzieren die vertraute Wahrnehmung bis - fast - zum Verlust.

Dann wieder gibt es scharf positionierte Lichtkegel in Raumecken. Wie geometrische Skulpturen recken sie sich in Rot, Blau, Grün, Violett – ungreifbar. Zugleich spürt man fast meditative Ruhe, Mit-sich-eins-sein. „Sich-selber-sehen“, nennt der Meister diesen Zustand, wenn der zielgerichtete Blick ins Leere geht.

Das funktioniert prächtig bei „Spread“ (2003). Komisch, wenn im farbigen Nichts auch noch der Tastsinn wankt. Ein schwarzer Treppenaufgang – und dann ist die Welt nur noch Blaublaublau („Wo war noch der Fußboden?“). Das Auge quält sich und ahnt doch weder Wände noch Konturen.

Für sein Meisterwerk „Unseen Blue“ (2002) greift Turrell gar nach den Sternen - als Beigabe, versteht sich. Mit einer perfekt komponierten Spektralfarben-Hymne beleuchtet er eine quadratische Öffnung in der Decke des kubusförmigen Raumes – und treibt das Spiel mit der Wahrnehmung – vor allem in der Abenddämmerung und bei Sonnenaufgang - auf die Spitze. Rücklings auf dem schwarzen Granitboden liegend, wandert der Blick des Betrachters geradewegs in die Unendlichkeit. Zum Sterben schön.

Fünf Stunden mit dem Jeep

Eben noch war das Himmelsquadrat stahlgrau bewölkt, kein Zweifel. Dann wechselt der Passepartout sachte von Violett zu Blutrot - und irgendwer da oben im All dimmt das Restlicht auf Tiefschwarz. Aber nicht lange. Minuten später zaubert ein Orangeton die Wolkengebilde wieder herbei. Launen des Südhimmels oder Trugbilder? Egal. James macht uns Licht.

Bleibt noch die alberne Frage vom Anreisetag: Nämlich, weshalb bloß diese Kathedrale samt ihrer umwerfenden Lichtskulpturen nicht in New York oder wenigstens Madrid oder Berlin erbaut worden ist, damit möglichst viele Kunstliebhaber in ihren Genuss kommen können.

Wie absurd. Je weiter weg vom Broadway, desto besser. Fünf Stunden mit dem Jeep vom 190 km entfernten Salta auf schlaglochübersäten Schotterpisten erscheinen noch zu nah dran an der Welt. Für das köstliche Vergnügen, unterm kristallklaren Südhimmel dem „Unseen Blue“ nachzuspüren, braucht es viel Zeit und noch mehr Raum. Da sind zehn Besucher das Maximum. Pro Tag. Mehr wäre verrückt.

James Turrell Museum, Estancia&Bodega Colomé, Tel. 0054-3868 49 4200; Ruta Provincial 53, Kilometer 20, 4419 Molinos, Provinz Salta, Argentinien. www.estanciacolome.com. Eintritt frei.

Tipp: Lichtinstallationen von Turrell sind noch bis 3. Oktober im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen; www.kunstmuseum-wolfsburg.de

Von Gisela Busch

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