Kassel. Mitarbeiter des Regierungspräsidiums (RP) wählen beim Rundgang, der Jahresausstellung in der Kunsthochschule, Studierende aus, die in der Behörde ihre Arbeiten zeigen - zum elften Mal ist dieses Konzept jetzt verwirklicht worden.
Donnerstagabend wurden die „Interventionen“, so der Titel, eröffnet - und wieder ist der Rundgang im RP sehr empfehlenswert. Wir zeigen Beispiele, bei denen es sich tatsächlich um Interventionen handelt: irritierende Eingriffe in gewohnte Abläufe und Routinen.
Im Aufzug wird es eng. Darius Voehringer hat darin einen (ausgehöhlten) Beton-Quader platziert, beschriftet mit den drei Säulen, auf denen unser Staat ruht: Legislative, Judikative, Exekutive. Auf der vierten Seite der Pyramide an der Spitze steht: Publikative. Die RP-Beschäftigten werden also daran erinnert, dass ihre Tätigkeit Grenzen hat: von Gesetzen bestimmt, von Gerichten überprüft. Sie können nachsinnen, wie weit die Macht der vierten Gewalt, der Medien, reicht.
Die Fassade eines leer stehenden Erotik-Geschäfts im Wesertor hat Thilo Jenssen im 2. Obergeschoss aufgebaut. Der Eigentümer hatte das Schaufenster schwarz überstrichen, Worte wie „Non-Stop Kino“, „Ehehygiene“, ein Kussmund sind kaum mehr zu erkennen. Das „malerische Moment“ der Oberfläche - „Schichtmalerei wie bei den alten Meistern“ - hat den Studenten fasziniert. Was dreckig und hässlich ist, entwickelt für Jenssen eben auch ästhetischen Wert. Für ihn ist die Werbung zwar hart, direkt, aber eben authentisch. Diese unverstellte Ehrlichkeit macht für Jenssen, der aus der Eifel stammt, den sympathischen Charme Kassels aus.
Kerstin Frisch hat alle 450 Mitarbeiter angefragt, welches Lied sie an ihre erste Liebe erinnert. 49 antworteten. Das ergab eine kuriose Liste von Alexandra und Michael Holm bis zu Bob Dylan und Genesis. Alle Titel singt Frisch auf Band. Zweimal, um 8.30 und 14.30 Uhr, wird ihr Gesang über Lautsprecher ausgestrahlt - in allen Räumen, auf den Toiletten, in den Sitzungssälen. Es gibt kein Entrinnen. Aber einer wird ganz melancholisch an die erste Liebe denken.
Das RP nimmt Kontrollaufgaben wahr, reguliert, überprüft, dass alles nach Normen, mit rechten Dingen zugeht. Ann Schomburg kontrolliert die Mitarbeiter (oder tut so, als ob). Sie hat über den Waschbecken Mini-Kameras installiert, die Bilder vom Händewaschen in eine alte Telefonzelle übertragen. „Das löst was aus“, hat sie beobachtet, „führt zu Gesprächen“. Zwei Kameras wurden schon überklebt. „Das hat mich sehr gefreut. Man lässt sich nicht alles gefallen.“
Im Lagerraum des Hausmeisters, in dem Stühle deponiert werden, hat Sarah Wegner eine Wandfläche weiß gestrichen. Sie zeigt dort ihre mit Weiß bemalten Fotografien. Jeden Tag ein anderes Bild. Ein Schild lädt zum Betreten ein. Dass eine Barriere überwunden werden muss, gehört für Wegner dazu. Die Kunst hat man dann womöglich exklusiv.
Und sonst? Gibt es Fotos aus Indien, die zum Ordnungsbestreben deutscher Bürokratie kaum passen (Larissa Rudolph). Eine tolle Arbeit mit Faller-Modellbau-Häuschen, die Frederike Vidal und Judith Groth frittiert oder in der Pfanne haben zerschmelzen lassen. Eine moderne, weibliche Herkules-Figur (Anna-Katharina Henning). Acryl auf Jute (Stefan Geyer). Filigrane Figuren von Seung Hyun Baek. Und vieles mehr.
Bis 16. März, Mo - Do 9 - 17, Fr 9 - 14 Uhr. Es gibt einen Katalog.
Von Mark-Christian von Busse



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