Kassel. 14 Schüler und Studenten stürmen und drängen ihrem Schicksal entgegen, unaufhaltsam angetrieben von ihrer erwachenden Sinnlichkeit: Unter Leitung des Kasseler Studios Lev wandeln sie Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen" zu einem emotionalen Musik-Theater.
Manche von ihnen werden diese Zeit als Eskapade ihres Erwachsenwerdens in Erinnerung behalten, einer wird die Kraft für ein neues Dasein daraus ziehen, für die anderen wird sie Höhepunkt und zugleich schmerzvolles Ende eines zu kurzen Lebens sein.
Es stellt eine nicht zu unterschätzende Herausforderung dar, ein gesellschaftskritisches Drama wie Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ in ein Musical zu verwandeln – ohne es zu einer heiteren Bühnenshow zu degradieren. Dem Kasseler Studio Lev ist dieses Experiment gelungen. Gemeinsam mit Schülern und Studenten erschufen Regisseur Philipp Rosendahl und Produzentin Svenja Röder aus der Musical-Vorlage „Spring Awakening“ ein beeindruckendes Theater-Musik-Drama, das seine Überzeugungskraft insbesondere aus der Intensität der Emotionen zieht.
Diese Gefühle kennen kein Erbarmen mit den jugendlichen Figuren. Einmal erwacht, drängen sie aus ihnen heraus, beherrschen ihre Gedanken und ihr Handeln. In der Welt, in der sie 1891 leben, haben aber weder Libido noch Verliebtheit Platz. Stupider Gehorsam und Strebsamkeit werden von ihnen verlangt, ihr Flehen um Hilfe, ihre Fragen zu den Herausforderungen des Erwachsenwerdens werden ignoriert.
Anders als in Wedekinds Vorlage schenkt das Musical den Figuren ein Ventil. Während sich die Theaterszenen nah an das Original halten, können sie ihre Gefühle in den überwiegend rockigen, von einer Band großartig gespielten Musikstücken zum Ausdruck bringen. Sie singen von Sehnsucht, Angst, Verwundbarkeit und Schuld – in der Sprache unserer Zeit.
Diese Trennung in äußere und innere Welt wurde im Bühnenbild (Martin Holzhauer) konsequent umgesetzt. In einem Kubus spielt sich das Leben der Erwachsenen ab. Außerhalb kann sich die Jugend in ihrer eigenen emotionalen Welt frei bewegen. Den männlichen Figuren sind zudem Charakterstühle beigegeben. Sitzmöbel, die erst im rechten Winkel betrachtet, einen weiteren Stuhl erscheinen lassen: den wahren Charakter hinter der Fassade.
Dem noch sehr jungen Darstellerensemble – allen voran Frederic Jenewein als Melchior, Constantin Hochkeppel als Moritz und Tamara Bodden als Wendla – ist mit seiner Musical-Interpretation schauspielerisch wie gesanglich ein Erfolg gelungen – dass einige wenige Töne ihr Ziel verfehlten, sei’s drum. Ein Sonderlob zudem an Lucia Knäpper und Philipp Basener, die ausgesprochen gelungen alle 14 Erwachsenen mimten.
Turnhalle der Nachrichtenmeisterei am Kulturbahnhof, heute sowie 11. bis 13. August, 19.30 Uhr, 7. und 14. August, 16 Uhr, ab 5 Euro.
www.springawakening.de
Von Alexandra Müller



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