Künstler Christoph Büchel schockiert Wien mit Swinger-Club

Sex im Museum

3526.02.1026.02.10|Kultur|1 Kommentar
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Kassel. Die Interventionen des Schweizer Konzeptkünstlers Christoph Büchel haben stets eines gemeinsam: Er signiert sie nie mit Namen. Und dennoch sind sie - wie derzeit in Wien - in aller Munde. Regen auf. Polarisieren. Rufen Kunstrichter und Moralisten auf den Plan, meist in Personalunion.

An alle Vorlieben ist gedacht: In den Wiener Kunsttempel Secession ist ein Swingerclub eingezogen. Foto: dpa

An alle Vorlieben ist gedacht: In den Wiener Kunsttempel Secession ist ein Swingerclub eingezogen. Foto: dpa

Denn sie tragen, in scheinbar naivem, in Wahrheit aber raffiniert subversivem Gestus, die Welt ins Museum und konfrontieren das Publikum mit der Tatsache, dass diese Welt in ihrer irritierenden Komplexität die engen Grenzen des Museums gleichsam von innen sprengt. Der Prozess erinnert an die uralte Sage vom Trojanischen Pferd. Schon in Kassel war dies zu spüren, 2008, bei „Deutsche Grammatik“, jener fulminanten Auseinandersetzung mit Träumen und Traumata der deutschen Geschichte. Im Fridericianum öffnete unter anderem ein Discounter.

Auch die sonst reinweiß strahlende Fassade der „Secession“ hat ihre Jungfräulichkeit verloren: Links und rechts Werbebanner für Toilettenpapier und Frühlingsduft. Begibt man sich in den Keller, wo sich Gustav Klimts berühmter Beethovenfries befindet, wird die Irritation komplett: Die Szene ist in Rotlicht getaucht, die Tonskulptur zweier kopulierender Schildkröten an der Garderobe gibt erste Auskunft darüber, welchen Zwecken die Installation dient, wenn dieses Museum geschlossen ist.

Büchel hat die unteren Räume der Secession dem Wiener „Verein der kontaktfreudigen Nachtschwärmer - Element 6“ überlassen. Der betreibt einen Swingerclub in der Kaiserstraße und ist für zwei Monate in den Kunsttempel im Stadtzentrum übersiedelt. Der Weg zu Klimt führt vorbei an Kontaktbar und Separees, Sauna und Whirlpool, Gynäkologenstuhl und Betschemel, auch abseitigeren Praktiken bietet „Element 6“ also Ausrüstung und, wenn gewünscht, Anleitung.

Der Beethovenfries ist vor lauter Gummipalmen kaum zu sehen. Doch nicht die Installation als solche, die mit ihrer Verpflanzung eines einzigen „kunstfremden“ Wirklichkeitssegments längst nicht die irritierende Komplexität der Kasseler Ausstellung erreicht, erhitzt die Gemüter. Die wahre Erregung für Billigblätter und rechte Kommunalpolitiker findet erst spätabends statt. Um 21 Uhr, drei Stunden nach Ausstellungsschluss, beginnt der Betrieb des Swingerclubs, nun kann bespielt werden, was vorher nur zu besichtigen war.

„Gruppensex im Museum!“ schäumen Boulevard und FPÖ, und: „Missbrauch von Subventionen“. Der Vorgang wird gar den Magistrat beschäftigen. „Element 6“ hat Subventionen nicht nötig, der Betrieb trägt sich selbst. Und Büchel ist eine Neuauflage des über 100 Jahre zurückliegenden Skandals gelungen, der damals mit der Enthüllung des seinerseits nicht mit Nacktheit geizenden Klimtschen Beethovenfrieses einherging. Ein Kunstkritiker schrieb: „Für ein unterirdisches Local, in dem heidnische Orgien gefeiert werden, mögen diese Malereien passen.“

Secession, Friedrichstraße 12, 1010 Wien: „Element 6“, bis 18. April, Di - So, 10 bis 18 Uhr (Ausstellung), Di-Mi 21 bis 2 Uhr, Do-Sa 21-4 Uhr (Betrieb)

Von Verena Joos

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