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Der Retter der Kokosnuss

Roman über den Vegetarier und Nudisten August Engelhardt

Der Retter der Kokosnuss - Christian Krachts Roman ist Geniestreich

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Nein, so einen kann man nicht erfinden. August Engelhardt hat tatsächlich gelebt. 1875 wurde er in Nürnberg in eine Zeit hineingeboren, als sich die Welt neu ordnete.

Die Ismen blühten, weil die Moderne begann. Hinduismus, Utopismus, Adventismus und in seinem sehr speziellen Fall vor allem Nudismus und Vegetarismus.

Mit einem Weidenkorb voller Äpfel und Pamphlete war er in Sandalen und eierschalenfarbenem Gewand übers Land gestrichen, hatte lange Haare, Bart und schwer zu tragen an seinem Kopf voller Ideen. Schüchtern, schmächtig und botschaftsbeladen erregte er vor allem öffentliches Ärgernis. Also: fort, fort. Fix und mit einer fixen Idee.

Er stieg aufs Boot und ging übers große Wasser, wie das die Propheten tun. Im Speisesaal der „Prinz Waldemar“ kauerte er zwischen Glücksrittern, Scharlatanen, von gepfändeten Ländereien verjagten Adligen und anderem Treibgut des Kaiserreichs. Die Kolonien lockten, und er glaubte besessen an die Kokosnuss. Die gibt feste und flüssige Nahrung, vor der Sonne schützende Creme, Stoff fürs wärmende Feuer und ein nützliches Behältnis. Die ist die Krone der Schöpfung. Mehr braucht es nicht, denn sie ist vollkommen.

Also erwarb August Engelhardt eine Plantage mit zig Hektar auf der Insel Kabakon. Hier ließ er Einheimische für sich und seine Sache arbeiten, legte die Kleider ab, ernährte sich für den Rest seines Lebens ausschließlich von seiner verehrten Frucht. Von hier schickte er seine Propagandadepeschen nach Hause, hoffend, eine Gemeinde von Jüngern würde zu ihm pilgern, die dann wie ein Vorschein auf spätere Hippiekommunen auch tatsächlich zu kommen versuchte. Mit den Jahren aber mündete Engelhardts Vision von der sorgenfreien Zukunft in eine Zone der Erschöpfung.

Auch dieser vierte Roman des Weltenbummlers Christian Kracht ist Kabinettstück und Geniestreich. Wieder liest man gebannt, staunend, amüsiert ein eher kleines Buch, das nach Verfilmung schreit. Klug und ohne Rücksicht auf Verluste bringt er sein Figurenpanoptikum in Stellung. Wieder packt er mit klug distanzierter Ironie sprach- und gedankenmächtig eine ins Ominöse fortschreitende Welt in eine überschaubare Versuchsanordnung. Wieder ist das Resultat ohne Vergleich.

Südseeballade

Wie eine gut geölte Chronik lässt er seine Südseeballade abschnurren, erzählt im den Leser mitnehmenden Wir, stapelt Elemente von Kolportage, Komik und Abenteuerschmöker und entwirft wie nebenher durchtrieben abgezockt seine neue Antiutopie quer zu unseren Gewissheiten.

Deutschland brach auf in jenen Jahren. Fast sah es so aus, als hätte es sein Jahrhundert werden können. Seine Protagonisten aber entstellte der Rausch vor dem Kater. Blässlich, beleibt und vulgär brachten sie die Syphilis aus Wilhelm II. Garten Eden mit nach Hause und manch andere Erfahrung, derweil in Braunau am Inn schon ein anderer vegetarischer Visionär geboren war. Und wuchs und wuchs ...

Christian Kracht: Imperium. Kiepenheuer & Witsch, 244 Seiten. 18,99 Euro.

Hintergrund

Nach Rassismus-Vorwürfen im „Spiegel“ hat Christian Kracht seine für 22. Februar geplante Buchvorstellung im Deutschen Theater in Berlin abgesagt. „Der ,Spiegel’-Angriff bedrückt Christian Kracht so sehr, dass er sich im Moment außerstande sieht, nach Deutschland zu kommen“, teilte Kiepenheuer & Witsch mit. Rezensent Georg Diez hatte dem Schweizer vorgeworfen, „Türsteher der rechten Gedanken“ zu sein. Er ging nicht nur auf die „krude Geschichte“ in „Imperium“ ein, sondern zitierte aus Krachts veröffentlichtem E-Mail-Wechsel mit dem US-Komponisten David Woodard, der laut Diez „offen ist für rechtsradikale Gedanken und Helden“.

An Krachts Beispiel könne man sehen, „wie antimodernes, demokratiefeindliches, totalitäres Denken seinen Weg findet hinein in den Mainstream.“ KiWi-Verleger Helge Malchow protestierte gegen die „Unterstellungen und atemberaubende Verdrehungen“. (vbs/dpa)

Von Ulrich Steinmetzger

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