Rock, Reggae und gute Stimmung beim Herzberg-Festival

12.000 Hippies beim Herzberg-Festival: "Willkommen in der Stadt der Verrückten"

918.07.1018.07.10|Kultur|6 Kommentare
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Bad Hersfeld/Alsfeld. Mit dem Betreten des Festival-Geländes unterhalb der zwischen Bad Hersfeld und Alsfeld an der B62 gelegenen Burg Herzberg taucht man in eine andere Welt ein. „Willkommen in der Stadt der Verrückten“ steht auf dem Plakat vor der Zeltstadt, in der Hippies aus ganz Europa quartieren.

Osibisa

12.000 sind es nach Angaben von Gunther Lorz, dem Pressesprecher des Festivals, diesmal – nicht gezählt die Kinder zwischen eins und vierzehn Jahren, die keinen Eintritt zahlen müssen. Denn zum Herzberg-Festival reist man mit Kind und Kegel. Auch dies macht einen Teil der einzigartigen Stimmung aus. „Let the sunshine in“ lautet ein immerwährendes Motto der Hippie-Bewegung. Den bekamen die Blumenkinder nach drei verregneten Festivals in diesem Jahr bis in die Abendstunden.

Und dazu Musik, die das ganze Spektrum der alternativen Szene widerspiegelt. Gleich am ersten Abend stand mit Anneke von Giersbergen die Entdeckung des Festivals auf der Bühne. Die holländische Sängerin, geb. 1973, ähnelt ein wenig Liedermacherinnen wie Amy McDonald, ist aber nicht so niedlich und gefällig, weshalb man ihr, ohne gelangweilt zu werden, länger zuhören kann. Mit ihrem Auftritt jedenfalls wurden die Besucher am Donnerstagabend bestens auf die noch bevorstehenden drei Tage Liebe, Frieden und Musik eingestimmt.

Musikalische Höhepunkte am Freitag waren die Auftritte der Afro-Rock-Band Osibisa und der britischen Space-Rock-Veteranen Hawkwind.. Bei 32 Grad im Schatten zu afrikanischer Musik tanzen, das hat schon etwas Authentisches. Osibisa schafften es mit ihrer guten Laune, ihren singenden Gitarren und Funky-Beats. Hawkwind hatten es da gegen 23 Uhr temperaturmäßig ein bisschen leichter.

Die Band, gegründet 1969, bot solide Rock-Musik und eine abgefahrene Schwarzlicht-Show mit Tänzerinnen in neonfarbenen Gewändern. Damit begeisterten sie auch junge Hippies, die von Hawkwind bisher nur den Hit „Silver Machine“ kannten. Wehmut kam am frühen Samstagabend auf, denn von Roger Chapman, mittlerweile 68 Jahre alt, war bekannt, dass dies einer seiner letzten Auftritte überhaupt werden würde. Nach dem Ende der aktuellen Tournee will „Chappo“ keine Konzerte mehr geben. Von Tourmüdigkeit war bei seinem Auftritt, der von „The Weaver’s Answer“ (Family) über „Burn it down“ (Streetwalkers) bis hin zu „Shadow on the Wall“ noch einmal alle Stationen seiner fünf Jahrzehnte währenden Karriere Revue passieren ließ, keine Spur.

Seine Zugabe, Jimmie Roger’s „Blue Yodel“ kam jedoch bei den Fundamentalisten im Publikum wegen ihrer Country-Nähe nicht so gut an. Während Fans und Musiker beim Herzberg-Festival stets von dem gemeinsamen Erlebnis sprechen, die Stars auf der Bühne vor und nach ihren Auftritten draußen bei den Fans stehen und das besondere Flair gemeinsam feiern, schien das dem Star des Festivals ziemlich egal: Jeff Beck (66) hätte am Samstagabend auch auf jeder anderen Bühne zwischen Tokyo und Los Angeles stehen können.

Dabei hatte er mit Jason Rebello (Tasteninstrumente, ehem. Wayne Shorter), Narada Michael Walden (Schlagzeug, ehem. Stevie Wonder) und Bassistin Rhonda Smith (Prince) eine exzellente Band zur Seite. Doch man erging sich in Selbstgefälligkeiten – Musik um der Virtuosität willen, nicht für ein großes Publikum gespielt. Mit „Eternity’s Breath“, einer Komposition des Mahavishnu Orchestras, gefolgt von Billy Cobham’s „Stratus“ ging es los.

Es folgte eine rüde Version von „Led Boots“, bevor Beck seine Gitarre beim „Corpus Christi Carol“ weinen ließ. Emotionen kamen aber allenfalls bei seiner psychedelischen Interpretation des Beatles-Klassikers „A Day in the Life“ und dem irischen Rebellenlied „Mná na-h-Éirann“ auf. Völlig überflüssig war die verkitschte Version von Puccinis „Nessund Dorma“. Fazit: Solch egozentrischen Superstar braucht das Festival nicht. Dann doch lieber eine Band wie „Hasenscheiße“, die die Zuschauer mit Stücken aus ihrer CD „Für ein paar Köttel mehr“ und Reggae-Rhythmen weitaus besser in Stimmung brachte. (wd)

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