Übertreiben für die Wahrheit

An 30 Jahre „Titanic“ erinnert eine unverschämt böse und herrlich komische Ausstellung in der Caricatura

Übertreiben für die Wahrheit

1521.02.1021.02.10|Kultur|
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Kassel. Eines der lustigsten Exponate in der Schau zum 30-jährigen Bestehen der Satirezeitschrift „Titanic“ in der Caricatura im Kasseler Kulturbahnhof ist ein Brief vom 12. Oktober 1988. Er ist höflich gerichtet an den „sehr geehrten“ Bernd Fritz, sogar „hochachtungsvoll“ unterzeichnet von Martha Brielmaier, geborene Caspervocce, aus Weingarten: „Bitte gehen Sie nicht mehr ins Fernsehen, sonst kann man ja gar nichts glauben.“

Je mehr Provokation, desto besser: Einer von über 360 „Titanic“-Titeln - der des aktuellen Hefts.

Je mehr Provokation, desto besser: Einer von über 360 „Titanic“-Titeln - der des aktuellen Hefts.

Wenige Wochen zuvor hatte sich „Titanic“-Redakteur Fritz mit der Behauptung, er könne Buntstifte am Geschmack erkennen, bei „Wetten, dass ..?“ eingeschlichen. In der Sendung gab er den Betrug zu, „Bild am Sonntag“ titelte erstaunlich sachlich: „Gottschalk reingelegt“.

Als „Titanic“ sich 2006 brüstete, vor der Vergabe der Fußball-WM die FIFA-Delegierten mit der Aussicht auf Wurst und Kuckucksuhren bestochen und so das Turnier nach Deutschland geholt zu haben, heizte die „Bild“ den Volkszorn mächtig an: Auch Anrufe empörter „Bild“-Leser sind in der Caricatura zu hören.

Vielleicht lässt sich eine historische Leistung des „endgültigen Satiremagazins“ tatsächlich so beschreiben: Die „Titanic“ hat die Deutschen gelehrt, bloß nicht alles zu glauben.

Wobei die Grenzen zwischen Wirklichkeit und satirischer Überspitzung sowieso stets fließend waren. Übertreibung, das zeigen zahlreiche „Titanic“-Aktionen, macht unangenehme Wahrheiten kenntlich. Und nur wer von „Titanic“ attackiert wurde, auch diese Erkenntnis legt der Rundgang nahe, gehört in die Geschichtsbücher. In der Ausstellung begegnen sie einem alle wieder: von Hans-Dietrich Genscher („Genschman“) bis zu den „Roten Strolchen“ der Rudolf-Scharping-SPD. Wobei Ex-Bundespräsident und Verfassungsrichter Roman Herzog wohl kaum vermutet hätte, durch ein von ihm verkündetes höchstrichterliches Urteil pro Satire zu deren Schutzpatron ernannt zu werden.

Es fehlen weder die Gründer der Neuen Frankfurter Schule wie Robert Gernhardt, Chlodwig Poth und Hans Traxler, noch die beliebtesten Rubriken, ob Bernd Pfarrs „Sondermann“ oder Max Goldts Kolumne. Auch aktuelle Neuentdeckungen sind dabei. Denn der Erfolg der „Titanic“, sagt Peter Knorr (70), Mitgründer und Erfinder des „Birne“-Begriffs für Helmut Kohl, beruhe darauf, dass im Schnitt alle fünf Jahre ein Generationswechsel stattfinde. Das sorge für frischen Wind im Team, und die scheidenden Chefredakteure seien gestählt für den freien Markt: „Titanic“ als Komik-Kaderschmiede.

Während von 1984 bis 1988 die „Titanic“-Anzeigen-Persiflage „Echtes Geld. In allen guten Banken und Sparkassen“ lief, erhöhte sich das Geldvermögen der Deutschen von 1,9 auf 2,7 Billionen D-Mark. Nun sollte man den Einfluss der „meistverbotensten Zeitschrift“ nicht überschätzen und annehmen, das eine habe mit dem anderen zu tun. Aber welch generationsübergreifend prägenden Einfluss ihr Humor hatte, auf welch überaus komische, mal bizarre und mal auch verletzende Weise er 30 Jahre Geschichte spiegelt, das wird wunderbar deutlich.

Auch wenn es Leserin Brielmaier anders sah: „Außerdem kommen Sie sich immer so gescheit vor“, monierte sie. „Und Sie haben viel zu viel Sex.“

Von Mark-Christian von Busse

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