Ist es wahr, was mir der andere sagt, ist es wahr, was ich weiß? Was steckt hinter den Worten, auch hinter den scheinbar klarsten? Wozu ist Liebe fähig? Kann Verliebtheit zum Mord führen?
Das Bild der menschlichen Seele, das Javier Marías mit seiner virtuosen Erzähltechnik in seinem neuen Roman „Die sterblich Verliebten“ entstehen lässt, ist in hohem Maße beunruhigend, ja von einer geradezu mythologischen Fatalität. Wissen, Nichtwissen und Ahnen verknoten sich unentwirrbar. „Die Wahrheit ist niemals klar“, lautet eine der wenigen Behauptungen, die festzustehen scheinen.
Die Handlung selbst ist nur ein knappes Kammerspiel. Durch die Tat eines scheinbar Wahnsinnigen kommt der junge erfolgreiche Geschäftsmann Miguel Desvern ums Leben. Seine Frau Luisa und die beiden Kinder bleiben zurück. Miguels bester Freund Javier Díaz-Verela hofft, dass Luisa nun seine Frau wird. In der Wartezeit unterhält er ein unterkühltes Verhältnis mit der Ich-Erzählerin, der Verlagslektorin María Dolz. Durch ein belauschtes Gespräch zwischen Díaz-Verela und einem zwielichtigen Komplizen scheint der Verdacht auf, dass ihr Geliebter den Mord an Miguel in Auftrag gegeben hat. Die Beziehung geht augenblicklich auseinander. Nur einmal sehen sich die beiden noch, als er ihr eine konstruiert erscheinende Geschichte auftischt - Miguel habe an einer unheilbaren Krankheit gelitten -, mit der er den Mord als Willen des Ermordeten darstellt.
Dieses Geschehen ist jedoch nur die dünne Folie für eine ungeheure psychologische Tiefe, die Marías in seinem unverwechselbaren Tonfall auslotet. Fast zwanzig Jahre nach seinem ersten großen Erfolg „Mein Herz so weiß“ steht der Spanier nach wie vor auf der Höhe seiner erzählerischen Meisterschaft.
Wie nun endet das menschliche Desaster? Es kann nicht gut gehen, denkt man. Jahre nach den Ereignissen trifft die Erzählerin Luisa und Javier wieder. María hat das Schicksal der beiden in der Hand, die inzwischen zueinander gefunden haben. Sagt sie, was sie zu wissen glaubt?
Javier Marías: Die sterblich Verliebten. S. Fischer, 430 S., 19,99 Euro, Wertung: !!!!!
Von Johannes Mundry



Empfehlen Sie diesen Artikel Ihren Freunden und Bekannten!
Bitte berichtigen Sie oben aufgeführte Fehler und klicken danach noch einmal auf den Absenden Button.
Bitte setzen Sie sich mit der technischen Abteilung in Verbindung.
Nicht alle Aufgaben konnten abgearbeitet werden.