Zum Beispiel die Ouvertüre zur Johann-Strauß-Operette „Die Fledermaus“. Mit extremen Tempo-Kontrasten und rhythmischen Schärfungen blies Gamzou so viel frischen Wind in das Stück, dass die Staubschicht des allzu Bekannten, die auf dieser Musik liegt, komplett weggeweht wurde. Viele Orchester wollen gerade solche Stücke am liebsten „so wie immer“ spielen. Es zeichnet das Kasseler Staatsorchester aus, dass es Gamzous musikalischen Vorgaben äußerst bereitwillig und engagiert folgte und sich dabei zu einer tollen Leistung aufschwang.
Ehrenrettung für einen umstrittenen Komponisten betrieb Gamzou mit dem Violinkonzert op. 35 von Erich Wolfgang Korngold. Als der gebürtige Österreicher das Konzert 1945 im amerikanischen Exil vollendete, hatte er bereits zwei Filmmusik-Oscars erhalten. Schnell wurde dem Konzert, in dem Korngold auch Themen seiner Filmmusiken verarbeitet, das Etikett „Hollywood-Konzert“ aufgeklebt.
Doch das wird dem komplexen Konzert, das zudem mit geigerischen Höchstschwierigkeiten aufwartet, nicht gerecht. Erst recht nicht, wenn es - etwa im wunderschönen zweiten Satz - so diskret und fein gespielt wird wie von dem portugiesischen Geiger Afonso Fesch (24). Geigerisch absolut souverän, dabei zurückhaltend im Gestus, ließ Fesch, der auch Konzertmeister von Yoel Gamzous International Mahler Orchestra ist, die tiefe Verlorenheit aufscheinen, die hinter der Schönheit der Romanze liegt. Seine geigerische Pranke zeigte Fesch dann im Finale.
Nicht viele Geiger haben den Mut, als Zugabe die fast 15-minütige Chaconne aus Bachs d-Moll-Partita zu spielen. Fesch hatte ihn, und seine äußerst differenzierte, klangschöne Interpretation riss auch die Orchestermusiker auf dem Podium zu heftigem Beifall hin.
Der erste Ton H erklang schon in den ersten Geigen, als Yoel Gamzou das Orchester in Brahms’ Vierte Sinfonie quasi hineingleiten ließ. Sein hoch- energetisches Musizieren mit abrupten Tempo-Wechseln und Pausen bekam diesem ersten Satz allerdings nicht so gut - der stetige Fluss der Musik ging etwas verloren. Doch wie die Musik im zweiten Satz atmete, wie sie im rasend schnell genommenen dritten Satz zum wilden Ritt wurde und wie sie sich im total entfesselten Finale schließlich verausgabte, war ein Konzerterlebnis der besonderen Art. Die Zuhörer in der fast ausverkauften Stadthalle belohnten es mit überschwänglichem, lang anhaltenden Jubel.
Von Werner Fritsch
































