Göttingen. Schon morgen müssen Seneli (15), Jelena (16) Siad (18) und ihre Mutter Bahtija (48) Deutschland den Rücken kehren, denn ihr Duldungsstatus wurde Mitte Februar von der Göttinger Ausländerbehörde nicht verlängert. Seit neun Jahren lebt die Familie Saciri hier.
Sie floh 2003 aus dem politisch instabilen Kosovo. Ein Zurück ist für die Familie undenkbar, denn die Roma sind im Kosovo rassistischen Anfeindungen ausgesetzt, beziehen keine sozialen Leistungen, leben am Rande der Gesellschaft.
Gegen den Beschluss der Abschiebung wehren sich der „Göttinger Arbeitskreis zur Unterstützung von Asylsuchenden“ (AK Asyl) und der Verein „Roma Center“, die die Abschiebung aufs Schärfste verurteilen. Gestern demonstrierten etwa 50 Menschen vor dem Neuen Rathaus für ein Bleiberecht der Familie.
„Ich habe Angst, weil ich nicht weiß, was mich im Kosovo erwartet“, erzählt Seneli Saciri, der mit seiner Schwester Jelena die Martin-Luther-King Schule besucht. Die Heimat ihrer Mutter ist ihnen fremd, sie sprechen weder Serbisch noch Albanisch, die offiziellen Amtssprachen des Kosovo. Bahtija Saciri Gesundheitszustand ist bedenklich. Nachdem sie von der drohenden Abschiebung erfahren hat, ist sie mit Herzproblemen in das Krankenhaus Neu-Bethlehem eingeliefert worden.
Die Ärzte aber lehnen das Ausstellen einer Reiseunfähigkeitsbescheinung ab, da dieses nicht in ihrem Verantwortungsbereich liege. Untersuchungen des Hausarztes und des Gesundheitsamtes stehen noch aus. Die Reiseunfähigkeit der Mutter ist die einzige Hoffnung, die Abschiebung noch abwenden zu können.
Juristisch sind alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Ende Januar legte die Ausländerbehörde der Familie einen Antrag vor, dass ihr Fall vor der Härtefallkommission des Landes entschieden werden soll. Nach Angaben der Familie drückte sich der Sachbearbeiter auf „Amtsdeutsch“ aus, so dass die Saciris nichts verstanden und den Antrag nicht unterschrieben haben. Nun ist die Frist verstrichen, die Zukunft der Familie Saciri ungewiss. Ihr Haus wurde im Bürgerkrieg zerstört, sie haben weder Familie noch Freunde oder Unterstützer im Kosovo.
Kenan Emini vom Verein Roma Center hat bereits mehrere abgeschobene Göttinger Roma-Familien im Kosovo besucht. „Sie sind nicht integriert und leben in ghettoähnlichen und unmenschlichen Verhältnissen.“ Das niedersächsische Innenministerium sieht es anders: Die Diskriminierung der Roma im Kosovo wird als Asylgrund nicht anerkannt. Baden-Württemberg ist das einzige Bundesland, das einen Abschiebestopp für Roma verhängt hat. Von der Ausländerbehörde der Stadt war gestern keine Stellungnahme zu bekommen.
Die Saciris blicken in eine unsichere Zukunft. Denn die Kälte erwartet sie.
Von Sandy Naake



Empfehlen Sie diesen Artikel Ihren Freunden und Bekannten!
Bitte berichtigen Sie oben aufgeführte Fehler und klicken danach noch einmal auf den Absenden Button.
Bitte setzen Sie sich mit der technischen Abteilung in Verbindung.
Nicht alle Aufgaben konnten abgearbeitet werden.