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Dokumentation: Was Bischof Algermissen den Priestern sagte

Was Bischof Algermissen den Priestern sagte

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Fulda. Wie denkt der Fuldaer Bischof Heinz-Josef Algermissen wirklich über den Zölibat, die Zulassung von verheirateten Männern zum Priesteramt, kirchliche Sexualmoral, Frauenordination, sexuellen Missbrauch und den Umgang der Kirche mit wiederverheiratet Geschiedenen?

© HNA

Als der Bischof dies las, verfasste er eine Mitteilung an unsere Zeitung und dementierte energisch.

Klare, reformorientierte Aussagen dazu traf er am 15. Juni bei einem Treffen mit etwa 30 Priestern und Kirchenmitarbeitern in Kassel. Nachdem unsere Zeitung über die Ergebnisse des Treffens berichtet hatte, dementierte der Bischof umgehend einen Reformkurs.

Damit Sie, liebe Leserinnen und Leser, sich selbst ihre Meinung bilden können, dokumentieren wir die offizielle Zusammenfassung der Begegnung im Wortlaut. Sie wurde zunächst vom Bischof selbst zur medialen Verwendung freigegeben.

Wenig später zog er dieses Einverständnis allerdings zurück und bot an, zu einem späteren Zeitpunkt ein Interview zum Thema zu führen. Nachdem dieses zwei Wochen lang nicht zustande kam, entschloss sich die Redaktion zur Berichterstattung.

Dokumentation

Zusammenfassung der Begegnung zwischen Bischof Heinz–Josef Algermissen, Generalvikar Prof. Dr. Gerhard Stanke und den Priestern des Dekanates Kassel – Hofgeismar am 15. Juni 2010 in Kassel,

Moderation: Christoph Baumanns

Grund für diese Begegnung, die von Bischof Algermissen gewünscht war, ist das Interview von Dechant Harald Fischer, das am 22. 4. 2010 in der HNA erschienen war und in dem er sich zu verschiedenen aktuellen kirchenpolitischen Fragen geäußert hatte.

Zunächst erläuterte Dechant Fischer noch einmal seine Beweggründe für dieses Interview. Er sieht sich nicht in einem persönlichen Konflikt mit Kirche, Bistum oder gar dem Bischof. Anlaß für seine Äußerungen war die Anfrage der HNA angesichts der hohen Kirchenaustrittszahlen nach den Mißbrauchsfällen in der katholischen Kirche ein Redaktionsgespräch zu führen.

Fischer sieht eine Glaubwürdigskeitslücke der Kirche, die zunächst im Umgang mit den offenbar gewordenen Mißbrauchsfällen sichtbar wurde, die sich aber auch auf die Themen Zulassungsbedingungen zum Priesteramt (Pflichtzölibat, Frauenordination), Sexualmoral und Stillstand in der Ökumene bezieht. Sein Anliegen ist, sichtbar zu machen, dass man auch öffentlich die Fragen stellen kann, die er in dem HNA Interview gestellt hat und dennoch Mitglied und auch Priester der katholischen Kirche sein kann. „Man muß nicht aus der Kirche austreten, wenn man so denkt, wie ich denke!“

Bischof Algermissen äußerte in seinem Statement grundsätzliches Verständnis für die angesprochenen Fragen. „Wenn ich auch in einigen Punkten aus theologischen Argumenten anderer Meinung bin, kann man doch über all diese Fragen diskutieren und ich will und kann auch gar nicht die Diskussion darüber verbieten.“

Es sei bei diesen Thesen eine Menge, was diskutierbar sei, wo wir uns in der Kirche ändern und auch öffnen müssten. Gerade die deutsche Kirche solle da die Impulse der Würzburger Synode aus dem Jahr 1975 wieder aufnehmen.

Der Bischof hält eine Diskussion über die „viri probati“ für notwendig. Auf andere Weise könne man schon in naher Zukunft nicht mehr die Eucharistiefeier garantieren, die aber konstituierende Mitte und Lebensquell unserer Gemeinden ist. Das Zölibat sei wohl eine gute und angemessene Weise, priesterliche Existenz zu gestalten. Man müsse aber anerkennen, dass es dogmatisch nicht zum Wesenskern des Priestertums gehöre. Das sehen die allermeisten Bischöfe in Deutschland genauso.

Durch die Tradition der Ostkirchen, auch der mit Rom unierten Kirchen sei das verheiratete Priestertum auch von der lateinischen Tradition der Kirche grundsätzlich anerkannt und angenommen. Die geltende Sexualmoral ist „durch die normative Kraft des Faktischen in Frage gestellt“. Die Fragen z.B. nach Verhütung und vorehelichen Beziehungen gestalten die Menschen heute unabhängig von den kirchlichen Vorgaben. „Der kirchliche Umgang mit diesen Fragen ist leider von Verdrängungsmechanismen gekennzeichnet.“

Es sei unbestritten, dass Sexualität in eine personale Liebesbeziehung einzuordnen sei. Die Kirche habe auch heute in einer nahezu wertelosen Gesellschaft den wichtigen Auftrag, dafür einzustehen. Aber nicht mehr alles, was früher als „schwere Sünde“ galt, sei heute noch so zu vermitteln und einsehbar zu machen.

Weil die Kirche uns wichtig ist, muß sie sich im Sinne des Evangeliums Jesu Christi ändern. Wir dürften uns aber nicht in Problemen verrennen, die nur Gesamtkirchlich gelöst werden können. Die Frauenordination ist durch päpstliche Vorgaben auf absehbare Zeit kein Thema. Anders sähe es mit der Frage nach dem Diakonat der Frau aus. Das sei eine offene Frage. Aber wir brauchen in unserer Kirche für die Lösung solcher Fragen eine gründliche theologische Diskussion.

Im Umgang mit dem sexuellen Mißbrauch in unserer Kirche, so sagte der Bischof, habe die Kirche hier Schuld auf sich geladen. Die Täter seien über lange Zeit nur aus dem bisherigen Dienst gezogen und nach gewisser Zeit einer therapeutischen Begleitung wieder versetzt worden, weil die Verantwortlichen auf deren Einsicht, Reue und Besserung gehofft habe. Die Verantwortlichen haben zuwenig darüber gewußt, dass Pädophilie eine nicht behandelbare Krankheit sei, und in Fachkreisen als eine irreparable Neigung eingestuft wird. „Wir haben die Opfer nicht gesehen. Und wir haben nicht gewußt, dass die Täter lügen, schlimmer noch als Alkoholkranke!“.

Generalvikar Stanke äußerte sich in ähnlicher Weise. Sowohl er als auch der Bischof sehen im Umgang mit den Wiederverheiratet – Geschiedenen dringenden Handlungsbedarf. Die Initiative der rheinischen Bischöfe zum Umgang mit diesem pastoralen Themenkomplex, die diese in den 90er Jahren gestartet hatte, wurde in Erinnerung gerufen.

Generalvikar Stanke und Bischof Algermissen erinnerten außerdem an die sog. „Königssteiner Erklärung“ von 1968, die den verantworteten Gebrauch von Familienplanung anspricht. In der Diskussion äußerten viele Mitbrüder Betroffenheit über die Differenz zwischen kirchenamtlichen Verlautbarungen und der Lebensrealität der Menschen in unseren Gemeinden. Sie empfinden die aufgekommene Diskussion in ihrer Offenheit als große Chance, Glaubwürdigkeit der Kirche zurückzugewinnen.

Einzelne Mitbrüder dagegen sehen den Zeitpunkt des Interviews in der HNA als kontraproduktiv. Sie vermissen außerdem eine grundlegende theologische Auseinandersetzung mit den aufgeworfenen Fragen.

Insgesamt fand der Austausch und die Diskussion in einer sehr offenen und wohltuenden, wertschätzenden Atmosphäre statt. Für die allermeisten Mitbrüder war diese Begegnung sehr aufbauend, ermutigend und hilfreich. Sie sind Bischof Algermissen und Generalvikar Stanke für diese wahrhaft pastorale, seelsorgliche Begegnung sehr dankbar.

Bischof Algermissen bedankte sich für die gute Begegnung und die ehrliche Gesprächsatmosphäre, in der auch kontroverse Themen mitbrüderlich diskutiert werden konnten. Er wünschte sich, dass solche inhaltlichen, theologischen Begegnungen öfter möglich und u.U. auch institutionalisiert werden sollten.

Harald Fischer, 16. Juni 2010

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