Wolfenbüttel. Die Strahlung in den 126 000 Atommüllfässern, die im Bergwerk Asse bei Wolfenbüttel auf Rückholung warten, ist höher als bislang befürchtet.
Was Experten und Kritikern der einsturzgefährdeten Deponie seit Langem schwant, hat Wolfram König, Chef des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), jetzt vor dem Asse-Untersuchungsausschuss des Niedersächsischen Landtags bestätigt. Das BfS weiß nur in Bruchstücken, was Bergungsteams erwartet, wenn sie in 750 Metern Tiefe die Einlagerungskammern aufbrechen. Neben der Strahlengefahr rückt laut König zunehmend das Schadenspotenzial von Schwermetallen und anderen Giften ins Visier.
Ein Rätsel ist schon, ob die in den 1960ern und 70er-Jahren in die Asse gekippten Fässer noch heil oder längst zu Brei zerquetscht und verrostet sind. Ziemlich im Dunkeln tappen die Strahlenschützer beim Versuch, Klarheit über den konkreten Inhalt der Atommüllbehälter aus Kernkraftwerken, Forschungs- und Medizinlabors sowie anderen Quellen zu bekommen.
Die Buchführung der Asse war dürftig. Seit Langem versuchen Experten, 30 oder 40 Jahre rückwärts zu rekonstruieren, wer genau was angekarrt hat. Das Ergebnis muss voller Lücken und nach heutigen Standards zweifelhaft bleiben, warnten Entsorgungs- und Strahlenschutzkommission (ESK/SSK) des Bundes schon 2008. Angaben über Plutonium in der Asse etwa schraubten sich über die Jahre von 9,6 auf 11,6 und schließlich auf 28,1 Kilogramm nach oben.
Ihren Abfall deklarierten die Anlieferer selbst. Verlangt waren Angaben zur Art des Strahlenmülls („Mischabfälle“, „Bauschutt“), ohne nähere Fragen zu seiner Zusammensetzung. Die zulässige Strahlungsaktivität pro Gebinde war auch gefordert, ohne Details zu einzelnen Nukliden.
Wie nahe die Lieferanten-Angaben an der Wahrheit blieben, „ist unklar, da nie Fässer für Kontroll-Stichproben geöffnet wurden“. Das räumte die Bundesregierung auf Anfrage der Grünen 2009 ein. Ging ja auch gar nicht: „Dafür fehlten alle sicherheitstechnischen Voraussetzungen.“
Gemessen wurde, bevor’s ins Asse-Lager ging, immerhin die Strahlendosis an der Außenhaut der Behälter. Da waren Entsorger ebenso findig: Extra-Bleischichten im Fass oder Betonhüllen sorgten dafür, dass auch schärfer strahlende Frachten unverdächtig blieben. Dieser Kniff flog bei Kontrollen von 150 Fässern auf, die wegen des Anlieferungsstopps Ende 1978 nicht mehr in der Asse, sondern im schleswig-holsteinischen Geesthacht landeten. Bei der Hälfte der Behälter, so BfS-Chef König am Rande des Ausschusses, passten Deklaration und Inhalt nicht zusammen.
Die Asse sei „ein Lexikon, in dem man nachschlagen kann, wie man Endlagerung nicht lösen kann“, klagte BfS-Chef König 2009 im ZDF-Interview. Sicherheitsnachweise könne man nicht durch Glaubensbekenntnisse ersetzen.
Selbst wenn alle Beschriftungen korrekt wären - tatsächlich gekennzeichnet ist laut BfS nur ein kleiner Teil der Fässer im Atommüll von insgesamt 48 000 Kubikmetern.
Um die Machbarkeit einer Bergung zu testen, werden in nächsten Schritten mehrere vermauerte Einlagerungskammern angebohrt. Sonden sollen dann im Inneren nach radioaktiven, giftigen und explosiven Gasen fahnden, Kameras erkunden, in welchem Zustand sich Kammern und Atommüll-Fässer befinden.
Wenn es die Sicherheit zulässt, sollen dann Kammern geöffnet, Gebinde oder deren Reste durch fernbediente Roboter-Technik nach außen geholt werden.
Rückholung machbar? Mehr als „erste Erkenntnisse“ erwartet Bundesumweltminister Norbert Röttgen für 2010 nicht.
Von Wolfgang Riek



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