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HNA-Interview mit Henryk M. Broder zur Islam-Debatte: „Das ist ein absoluter Nullsatz“

HNA-Interview mit Henryk M. Broder zur Islam-Debatte: „Das ist ein absoluter Nullsatz“

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Kassel. „Der Islam gehört zu Deutschland.“ Mit diesem Satz hatte Bundespräsident Christian Wulff (CDU) eine weitere Debatte um Integration ausgelöst. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) sagte: Die christlich-jüdisch-abendländische Kultur sei die Leitkultur in Deutschland, und nicht die islamische. Wir sprachen mit dem Journalisten Henryk M. Broder über seine Einschätzung der Diskussion.

Islam-Debatte: Der Journalist Henryk M. Broder kritisiert im Interview Diskussionen, die ständig neue Missverständnisse auslösen. Im Bild eine junge Muslima in der Moschee Friedberg. Foto: dpa

Herr Broder, hat Bundesinnenminister Friedrich mit seinem Widerspruch nur provoziert, oder hat er recht?

Henryk M. Broder: Weder das eine noch das andere. Das ist ein absoluter Nullsatz. Man könnte ebenso gut sagen: Allergien, Legastheniker oder Kindesmissbrauch gehören zu Deutschland. Ich weiß nicht, ob der Innenminister und der Bundespräsident mit solchen Aussagen glänzen wollen.

Sinngemäß hat Friedrich behauptet, dass zwar Muslime zu Deutschland gehörten, aber nicht der Islam. Wie geht das zusammen?

Henryk M. Broder

Broder: Er unterscheidet eben zwischen Menschen und ihren Anschauungen. Das ist legitim, aber ich kann mit solchen Debatten nichts anfangen, die ständig neue Missverständnisse bringen. Natürlich ist Deutschland ein christlich grundiertes Land. Wir waren schon einmal so weit, dass Religion Privatsache war. Zurzeit findet eine Verkirchlichung der öffentlichen Debatte über solche albernen Fragen statt. Ich finde es ebenso suspekt, dass sich plötzlich Menschen auf ihr christlich-jüdisches Erbe besinnen, wenn noch vor ein paar Jahrzehnten die einen auf die Jagd gingen, während die anderen versuchten, ihr Leben zu retten.

Seit wann ist Religion keine Privatsache mehr?

Broder: Ich habe es erstmals am 11. September 2001 bemerkt, als ein religiöses Gewitter über uns hereingebrochen ist. Wir erleben die Folgen der Erkenntnis, dass es nicht nur weichgespülte Christen und liberale Juden gibt, sondern eine Religion, die sich selbst in einer Weise ernst nimmt, die wir nicht nachvollziehen können und auch nicht dürfen - zumindest nicht, wenn wir uns an die Prinzipien der bürgerlichen Gesellschaft halten wollen.

Sie selbst haben polnisch-jüdische Wurzeln. Gehören Sie zu Deutschland?

Broder: Ja, aber nicht aufgrund meiner Herkunft, sondern weil ich deutscher Staatsbürger bin, ich hier Steuern zahle und besser Deutsch spreche als 99 Prozent aller Deutschen. Nicht zuletzt empfinde ich eine Dankbarkeit gegenüber diesem Land. Die Vorstellung, in Polen geblieben zu sein, ist mir ein Graus. Man sollte zumindest eine gewisse Grundfreundlichkeit gegenüber dem Land besitzen, in dem man sich aufhält. Wir erleben zum ersten Mal in der Geschichte der Migration, dass Migranten ihr Gastland verachten.

Wie äußert sich diese Verachtung?

Broder: Wenn islamische Schüler ihre Lehrerin als Schlampe bezeichnen, wenn sich Deutsche als Schweinefresser beschimpfen lassen müssen, wenn islamische Prediger durchs Land ziehen und die Einführung der Scharia als Lösung aller Probleme anpreisen - das alles sind Zeichen von Verachtung.

Warum diskutieren wir in Deutschland seit Jahren über Kopftücher und die Höhe von Minaretten?

Broder: Wir debattieren auch über die Frauenquoten in Vorstandsetagen, was in Moldawien sicherlich nicht denkbar wäre. Das sind Luxusprobleme. Wenn es aber in Teilen der muslimischen Gesellschaft nicht eine gewisse Gewaltbereitschaft und den Hang zum permanenten Beleidigtsein gepaart mit dem Missbrauch von Sozialleistungen gäbe, müssten wir diese Debatte auch nicht führen.

Wo sehen Sie die Integrationsdebatte in 20 Jahren?

Broder: Wahrscheinlich wird sich das Thema bis dahin erledigt haben. Auf der Straße wird dann türkisch gesprochen, in den Hochschulen englisch, und ein paar alte Männer wie ich werden sich heimlich zu Literaturzirkeln treffen. Das wird gemütlich.

Von Kristin Dowe

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