Joachim Gauck, Ex-Stasiakten-Beauftragter, im Interview über das Verdrängen und die Aufarbeitung von Schuld

Joachim Gauck, Ex-Stasiakten-Beauftragter, im Interview über das Verdrängen und die Aufarbeitung von Schuld

Gauck: „Schweigen bringt keinen Frieden“

003.10.0903.10.09|Politik|
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Joachim Gauck, Ex-Stasiakten- Beauftragter, erhält morgen den Kasseler Bürgerpreis „Glas der Vernunft“. Wir sprachen mit ihm über Erinnerung an die Vergangenheit, das Leben in Diktaturen und den Umgang mit Schuld.

Herr Dr. Gauck, Sie erhalten das Glas der Vernunft am Tag nach dem 3. Oktober, dem Tag der deutschen Einheit. Warum hat dieser Tag keine größere Symbolkraft im Bewusstsein der Bürger entfaltet?

Zur Person

Joachim Gauck (69), in Rostock geboren, studierte Theologie und arbeitete als Pastor in Mecklenburg. Als sich 1989 der Widerstand gegen das SED-Regime formierte, wurde Gauck Mitglied des Neuen Forums Rostock. Am 2. Oktober 1990 wählte ihn die Volkskammer zum Sonderbeauftragten für die personenbezogenen Unterlagen des DDR-Staatssicherheitsdienstes, 1991 wurde er zum Bundesbeauftragten ernannt. Er führte die Behörde bis 2000. Heute ist der vierfache Vater Vorsitzender des Vereins Gegen Vergessen – für Demokratie. Er nennt sich selbst einen „linken, liberalen Konservativen“.

Joachim Gauck: Der Tag ist nicht verbunden mit einem die Masse des Volkes bewegenden Ereignis - anders als der 9. November 1989 mit seinen großartigen Bildern jubelnder Menschen, die durch die Mauer strömen oder am Tag danach auf der Mauerkrone tanzen. Am 3. Oktober gab es dagegen nur einen feierlichen Staatsakt, der aber keine Bilder mit Sogwirkung entwickelte.

Ist die Wiedervereinigung deshalb kein Grund zu feiern?

Gauck: Natürlich ist sie das. Aber die Wiedervereinigung ist ja erst gewachsen, nachdem wir Grund hatten, in der DDR etwas anderes zu feiern, die Wiedergeburt des mündigen Bürgers. In Leipzig sagten die Bürger am 9. Oktober plötzlich der Regierung: Wir sind das Volk. Und daraus wurde dann die friedliche Revolution. Dieser 9. Oktober wäre als Feiertag auch eine Brücke gewesen zum 17. Juni, der in Westdeutschland als Tag der Einheit begangen wurde. Einmal blieb der Volksaufstand erfolglos, einmal war er erfolgreich.

Plädieren Sie für einen andern Gedenktag?

Gauck: Nein, auch der 3. Oktober hat inzwischen eine eigene Tradition entwickelt.

Mit dem Blick auf die DDR-Vergangenheit scheint im Osten ein Prozess der Verklärung eingetreten zu sein. Gerne wird von Kinderhorten und Vollbeschäftigung erzählt, aber ungerne etwas von Unrechtsstaat und Mauertoten gehört. Woran liegt das?

Gauck: Das ist keine ostdeutsche Krankheit, sondern ein weltweites Phänomen. Immer dann, wenn eine alte Zeit unwiderbringlich verschwindet - egal ob durch Krieg oder Revolution - tritt zunächst Erleichterung ein. Aber dann gibt es immer auch Menschen, die schon kurz danach sagen: Es war doch alles nicht so schlecht.

Das war nach 1945 im Westen nicht anders...

Gauck: Nicht nur dort. Ich bin alt genug, um mich noch daran zu erinnern, wie es in der Nachkriegszeit hieß: Beim Führer war nicht alles schlecht. Genannt wurden dann die Autobahnen, die Vollbeschäftigung, die Sicherheit vor Kriminalität. Es ist frappierend, dass man heute fast wortgleich solche Argumente wieder hört.

Woran liegt das?

Gauck: Es steckt in den Menschen drin: Wenn der Druck und die Last der Diktatur vorbei sind, verschönt sich in der Erinnerung einiges. Ich habe auf einer Südamerika-Reise Chile und Argentinien besucht. Auch dort hieß es: Bei Pinochet und Videla war nicht alles schlecht. Es sind also nicht nur bei uns Schönredner unterwegs, die noch Nachholbedarf haben. Richtig ist aber auch: Die Mehrheit der Ostdeutschen ist in der Demokratie angekommen.

Nach 1945 arrangierte man sich im Westen damit, dass alte Nazis weiter in Justiz und Politik arbeiteten und man wollte bald einen Schlussstrich ziehen. Ist ein Vergleich zwischen diesen beiden Vergangenheitsbewältigungen aus Ihrer Sicht überhaupt statthaft? Viele Ostdeutsche fühlen sich dabei auf die Füße getreten.

Gauck: Das sind die, die Aufklärung hassen. Natürlich sollten wir uns davor hüten, die beiden deutschen Diktaturen gleichzusetzen. Aber wir müssen sie vergleichen, um ihre Unterschiede zu erkennen. Wir vergleichen in den beiden Systemen Dummheit und Dickfelligkeit, die Neigung zu vergessen und zu verdrängen. Dieses Vergleichen ist politische Aufklärung. Das eigentliche Problem ist aber ein unpolitisches, ein menschliches.

Wie meinen Sie das?

Gauck: Menschen erinnern sich gerne so, dass es nicht weh tut. Nicht weil ich bösartig bin, erinnere ich mich nur an das Schöne und Gute, sondern weil ich ein normaler Mensch bin, der sich nicht selbst Schmerzen beibringen will.

Das wäre also Nostalgie.

Gauck: Richtig. Sie ist die Form von Erinnern, die ohne Schmerzen, ohne tiefe Erkenntnis auskommt. Man erinnert sich, dass man verliebt war oder ein schönes Konzert besucht hat. Aber man erinnert sich nicht daran, dass man nie richtig wählen konnte, keine freien Gewerkschaften hatte und keine Meinungsfreiheit. Und dass man sich damit abgefunden hatte. So tut nichts weh beim Erinnern an die Vergangenheit. Der Mensch ist so.

20 Jahre nach dem Ende der Nazi-Diktatur begann in Westdeutschland eine neue Generation zu fragen nach Schuld und Verstrickung. Ist eine ähnliche Entwicklung in Ostdeutschland zu erwarten?

Gauck: Im Augenblick sehe ich das noch nicht. Denn die Nazizeit war mit 12 Jahren sehr viel kürzer als 40 Jahre DDR. Das heißt, der innere Abschied von dieser Diktatur wird länger dauern, weil mindestens zwei Generationen durch diesen Staat geprägt wurden. Zudem ist die DDR nicht so vernichtend zu Bruch gegangen - nicht in einem Meer von Blut und Tränen, nicht in totaler Zerstörung und Kapitulation. Ein zweites kommt hinzu: Ostdeutschland heute ist nicht mehr ein so geschlossenes System, wie es die alte Bundesrepublik war. Der Osten ist nicht mehr unter sich, hier leben inzwischen sehr viele Wessis. Und die Art, wie wir miteinander diskutieren, ist westlich geprägt. Die allermeisten von uns haben westliche Werte angenommen. Wir haben also eine westliche Kulturhoheit, weil deren Werte dominieren. Der Westen aber hat kein überbordendes Interesse an der DDR-Vergangenheit.

Es ist also keine gesellschaftliche Unruhe zu erwarten wie 1968 im Westen?

Gauck: Eliten, gegen die junge Studenten damals protestiert haben, sehen wir ja heute nicht. Natürlich gibt es in vielen Kreisstädten im Osten noch Typen, die früher in der SED waren und heute noch hohe Posten haben. Darüber debattiert die Gesellschaft jedoch nicht mehr. In Familien aber kann es eines Tages ein böses Erwachen geben, wenn Jugendliche fragen: Was habt Ihr damals gemacht? Oder mit Heinrich Böll: Wo warst Du, Adam?

Im Idealfall kann die Aufarbeitung von Schuld eine reinigende Wirkung entfalten. Und mit Blick auf die Debatten, die die 68er angestoßen haben, kann man durchaus stolz sein auf das Erreichte, vor allem wenn man auf die unzureichende Beschäftung mit der schuldhaften Vergangenheit etwa in Japan schaut...

Gauck: Sie brauchen gar nicht in die Ferne schweifen - schauen Sie nach Österreich!

Hat dieser Prozess der inneren Reinigung in der ehemaligen DDR denn gar nicht stattgefunden?

Gauck: Er ist ja eingeleitet worden. Zum Beispiel durch die Arbeit der Behörde, der ich vorstand. Oder durch Vereine wie „Gegen Vergessen - für Demokratie“. Oder denken Sie an die Enquetekommission des Bundestages zur „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur“. Vergessen Sie auch nicht die vielen Geschichtswerkstätten und Museen, die entstanden sind. Sie alle arbeiten im Grunde an ähnlichen Zielen wie die 68er.

Das müssen Sie erklären.

Gauck: Das bleibende Vermächtnis der 68er ist, dass sie das Thema Schuld und Verantwortung auf die Agenda setzten. 20 Jahre später hat auch das konservative Deutschland begriffen: Es geht nicht ohne ernsthafte innere Einkehr, ohne Selbstkritik und Aufarbeitung von Schuld. Das gehört zur Kultur der erwachsenen Bundesrepublik, das bleibt das Verdienst der 68er.

Was folgte aber daraus für die DDR?

Gauck: Als wir 1990 mit einem freien Parlament in der DDR starteten, wollten wir nicht wie bei Adenauer nach dem Motto verfahren: Augen zu und durch. Sondern wir wollten beginnen mit offenen Augen sowie dem Akzeptieren und Besprechen von Schuld, also dem, was die 68er vermissten und einklagten. Aber ein Parlament kann etwas beschließen und auch die finanzielle Mittel dafür zur Verfügung stellen - ob aber die ganze Bevölkerung mitzieht, ist eine andere Frage. Manchmal hält sich Verweigerung generationsübergreifend.

Was bleibt also zu tun?

Gauck: Wichtig ist der öffentliche Diskurs: Kommt das Thema Vergangenheit und Schuld zum Beispiel in den Medien vor, vor allem in den populären? Durch den Film „Das Leben der Anderen“ konnten viele bis dahin uninteressierte Menschen für das Thema gewonnen werden. Dann entwickeln sich Diskussionen. Dann wird in Familien gefragt: Wie war das damals eigentlich?

Oft hört man das Argument, es möge eine große Flut kommen und alle Stasi-Akten davonschwemmen. Ist diese Haltung nur ärgerlich oder auch gefährlich?

Gauck: Unsere Demokratie ist so gefestigt, dass sie solche Toren ertragen kann. Manchmal sind das ja sehr ehrenwerte Menschen, die für so etwas wie einen Schlussstrich plädierten, Marion Gräfin Dönhoff etwa oder Egon Bahr. Aber das hätten wir als Post-68er doch nie geglaubt, dass ausgerechnet aus diesem Lager solche eine Forderungen erhoben wurde. Linke Juristen sprachen auf einmal wie Nazi-Richter Hans Filbinger: Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein. Als ob durch Schweigen innerer Frieden entstehen könnte! Erst in dem Moment, wo unsere Nation die innere Schuld wirklich anzunehmen und zu betrauern bereit war, als um Vergebung gebeten und Wiedergutmachung angeboten wurde, erst da waren wir bei uns selber angekommen. Erst dann konnten wir uns wieder achten und andere konnten uns vertrauen. Das gilt für jede Art von Unrecht und jede Art von Diktatur. Manche können das offenbar nicht akzeptieren... Gauck: Jene unaufgeklärten Linken, die das bis heute nicht begriffen haben, sind herzlich eingeladen einzukehren bei der politischen Aufklärung und der Suche nach Wahrheit. Ohne Wahrheit gibt es keine Versöhnung. Man kann den Mund halten und schweigen - aber das ist Friedhofruhe und kein innerer Friede.

Von Wolfgang Blieffert

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