Kassel. Angesichts des langen, kalten Winters zweifeln immer mehr Menschen, ob die Warnungen vor einer Klimaerwärmung tatsächlich berechtigt sind. Wir sprachen darüber am Rande des Ökotec-Kongresses in Kassel mit dem bekannten deutschen Klimaforscher Prof. Dr. Mojib Latif vom Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften.
Herr Prof. Latif, kürzlich haben Sie zur Verwunderung mancher gesagt: „Derzeit macht die Klimaerwärmung eine Pause.“ Wie das?
Mojib Latif: Das ganze System ist chaotisch. Wenn wir von globaler Erwärmung sprechen, dann dürfen wir eben nicht nur auf Deutschland gucken, sondern müssen den Globus insgesamt nehmen. Wenn wir das tun, dann war beispielsweise der Januar 2010 der zweitwärmste Januar, seit wir überhaupt Aufzeichnungen haben, also seit 130 Jahren.
Klimamodelle basieren immer noch auf sehr wenig Daten und Messpunkten. Der Vorwurf von Kritikern lautet: Da wird schöngerechnet, da wird manipuliert, bis das Ergebnis mit dem übereinstimmt, was man sagen will. Ist da etwas dran?
Latif: Man muss schon sehen, dass bestimmte Dinge unsicher sind, aber es gibt dann auch wieder Dinge, die sind praktisch unumstößlich. Tatsache ist, es ist wärmer geworden, das haben wir ja alle erlebt. Wenn man sich mal angeguckt hat, wie die Winter früher gewesen sind, etwa vor 50 Jahren, da war so ein Winter, wie wir ihn jetzt erlebt haben, völlig normal – heute ist es die Ausnahme. Daran sieht man schon, dass es wärmer geworden ist, dass die Wahrscheinlichkeit für kalte Winter abgenommen hat.
Wenn wir uns in den Alpen umsehen: Die Gletscher haben sich massiv zurückgezogen. Vergleich Sie Fotografien, die vor 100 Jahren gemacht worden sind, und Fotografien von heute. Und die Meeresspiegel sind angestiegen, um knapp 20 Zentimeter. Das heißt, Sie brauchen gar keine Klimamodelle, um die Erwärmung zu dokumentieren. Und deswegen sind diese Skeptiker-Argumente auch gar nicht stichhaltig.
Wenn wir den Klimawandel nicht stoppen können, weil es für unsere und die nachfolgende Generation schon vorgegeben ist, warum richten wir unsere Anstrengungen nicht vorrangig darauf, die Auswirkungen in den Griff zu bekommen?
Latif: Ich glaube, wir müssen das Eine tun, ohne das Andere zu lassen. Wir sind ja schon in der Klimaerwärmung drin, und wegen der Trägheit des Systems werden wir noch auf jeden Fall eine weitere Erwärmung und damit weitere Klimaveränderungen bekommen. Anpassen müssen wir uns auf jeden Fall. Insbesondere müssen sich die Länder anpassen, die sich in den Tropen befinden, Bangladesch, Indonesien, die Inseln im Pazifik und im Indischen Ozean. Aber gleichwohl sollten wir alles Menschenmögliche tun, damit die Erwärmung nicht über die zwei Grad hinausgeht bis zum Jahr 2100 gegenüber der vorindustriellen Zeit, also gegenüber 1800.
Und wo sind wir heute angelangt?
Latif: Wir stecken heute etwa bei 0,7 Grad. Das heißt also: Wenn wir noch die Trägheit berücksichtigen, die uns, na gut, auch noch mal so viel an Erwärmung bringen wird in den nächsten Jahrzehnten, was wir nicht mehr vermeiden können, dann sind wir eigentlich schon bei knapp 1,5 Grad. Das heißt also, die Marge ist eigentlich nicht mehr groß, die wir noch weiter zulassen können.
Kohlendioxid, heißt es, ist der Klimakiller Nummer eins. Welche Rolle spielt CO2 nun wirklich?
Latif: Das Kohlendioxid ist einer von mehreren Faktoren, die Einfluss auf das Klima haben. Wenn wir sehr lange Zeiträume betrachten, die letzten eine Million Jahre, da war vor allem die Änderung der so genannten Orbitalparameter wichtig, also die Änderung beispielsweise der Erdbahn um die Sonne, die haben die Eiszeiten und die Warmzeiten ausgelöst. Aber das Ganze passiert in Zeiträumen von vielen, vielen Jahrtausenden, wir sprechen von Jahrzehntausenden, ja Jahrhunderttausenden.
Wenn wir aber über die nächsten Jahre reden, da wird der massive Anstieg des Kohlendioxids, den wir in den letzten hundert Jahren beobachtet haben, relevant, weil die anderen Prozesse, wie etwa die Erdbahn um die Sonne, sich viel, viel langsamer ändern, sodass wir das jetzt, auf Menschenleben bezogen, gar nicht spüren können. In der Tat folgt die nächste Eiszeit in 50 000 Jahren, aber für die nächsten 100 Jahre ist das eben irrelevant. Und deswegen bekommt eben der menschliche Einfluss jetzt so eine Dramatik.
Von Peter Ochs



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