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„Wir müssen Trauer neu lernen“

Reiner Sörries, Leiter des Sepulkralmuseums Kassel, im Interview über den Umgang mit toten Soldaten

„Wir müssen Trauer neu lernen“

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Herr Sörries, es scheint, als müssten wir uns daran gewöhnen, dass es wieder tote deutsche Soldaten gibt. Müssen wir erst lernen, um sie zu trauern?

Die Toten bekommen Gesichter: In der St.-Lamberti-Kirche Selsingen bei Bremen stehen Fotos der getöteten Soldaten (von links) Robert Hartert, Nils Bruns und Martin Kadir Augustyniak. Dort wird morgen die Trauerfeier für die Gefallenen stattfinden. Foto:  dpa

Die Toten bekommen Gesichter: In der St.-Lamberti-Kirche Selsingen bei Bremen stehen Fotos der getöteten Soldaten (von links) Robert Hartert, Nils Bruns und Martin Kadir Augustyniak. Dort wird morgen die Trauerfeier für die Gefallenen stattfinden. Foto:  dpa

Reiner Sörries: Ja. Es ist doch klar, dass wir uns nach Jahrzehnten der Friedenspolitik außerordentlich schwertun, wieder mit toten deutschen Soldaten umzugehen. In den ersten Jahren des Afghanistaneinsatzes haben wir das Gedenken ganz hinten angestellt - auch weil die Opferzahlen noch relativ niedrig waren. Aber jetzt trifft es uns umso härter, und wir sind zu einem neuen Umgang gezwungen.

Was bewirkt es, dass die meisten Getöteten für uns kein Gesicht haben?

Sörries: Es ist merkwürdig, dass es von der Regierung keine Totenliste gibt. Das ist ein Zeichen der Unsicherheit. Bei den letzten drei getöteten Soldaten waren aber sehr schnell Bilder und Namen im Umlauf. Der Umgang scheint also in Ansätzen transparenter zu werden. Wenn man Gesichter sieht, bekommen wir nicht den Eindruck, dass etwas vertuscht werden soll. Wir als Gesellschaft bekommen den Eindruck von Ehrlichkeit und können eher Anteil nehmen.

Hat es einen Einfluss auf den Umgang mit toten Soldaten, ob man den Afghanistaneinsatz Krieg nennt?

Sörries: Ich denke, für die Angehörigen würde es keinen Unterschied machen, aber für unser Bewusstsein. Wir würden auch den Einsatz der lebenden Soldaten stärker würdigen. Wir sollten nicht mehr sagen „du gehst zu einem friedenssichernden Einsatz“, sondern „du gehst in den Krieg“.

In den USA und England werden Gefallene geradezu glorifiziert. Warum ist das Verständnis dort so anders?

Sörries: Das hat damit zu tun, dass man Soldaten dort eher als Helden begreift. Und Amerika hat leider die Tradition des Kriegführens nie verlernt. Wir hatten nach dem Zweiten Weltkrieg den Bruch - Gott sei Dank.

Ist würdiges Gedenken möglich, ohne dass man von der deutschen Kriegsvergangenheit eingeholt wird?

Sörries: Nein, nicht wirklich. Es ist das deutsche Schicksal, dass uns der Zweite Weltkrieg wie eine Erblast auf den Schultern lastet und wir davon auch so schnell nicht freikommen. Trotzdem muss es aber eine politische Diskussion darüber geben, wie wir zukünftig mit Gefallenen umgehen. Wir müssen darüber reden, ob die Toten aus Afghanistan wie die Weltkriegstoten ein ewiges Ruherecht bekommen. Oder ob die Kriegsgräberfürsorge auch für sie zuständig sein sollte. All das gehört zum Erlernen der Trauer.

Kann man um Soldaten trauern, auch wenn man den Einsatz ablehnt?

Sörries: Ich denke schon. Aber ich finde es schwierig, wenn man Soldaten eine höhere Würdigung zuteil werden lässt als anderen Toten. Es gibt leider viele Menschen, die aufgrund ihres Berufes sterben. Es passt nicht in mein Weltbild, gefallenen Soldaten eine besondere Würdigung zuteil werden zu lassen. Wir sollten uns nicht scheuen, das Thema offener zu diskutieren, aber ich halte auch nichts von Glorifizierung.

Ist das Ehrenmal in Berlin ein Schritt zum offeneren Umgang?

Sörries: Es wirkt wie ein Schnellschuss, weil es gebaut wurde, bevor es eine politische Diskussion gab. Ich war im Winter da, und es war wegen Glatteisgefahr geschlossen. In Deutschland ist Gedenken also noch vom Wetter abhängig.

Von Saskia Trebing

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