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Obdachlose erzählen: Darum lebe ich auf der Straße

Angst vor der Kälte haben sie nicht

Obdachlose erzählen: Darum lebe ich auf der Straße

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Kassel. Nicht jeder empfindet die frostigen Temperaturen als schlimm. „Es gibt kein kaltes Wetter, nur falsche Kleidung“, sagt Guido Göddertz (32). Er lebt seit 1996 auf der Straße und ist seit Freitag vergangener Woche in Kassel.

„Hier komme ich immer gerne hin. Die Leute sind entspannt und es gibt kaum Stress“, sagt er. Als seine Eltern starben, entschied er sich für ein Leben auf der Straße. Der Altpunk ist unterwegs mit seinem Kumpel Thomas Brandstädder (31).

Wie schützen sich die Punks gegen die Kälte? „Naja, die Hunde wärmen und in den Schlafsack kommen die Welpen. Dann hat man fast so etwas wie eine Standheizung“, sagt Brandstädder. Der gebürtige Niederbayer lebt seit 20 Jahren auf der Straße, ist nie lange an einem Ort.

© SchneiderWarmer Pulli gesucht: Klaus Lemke wird in der Kleiderkammer fündig.

Ein halbes Jahr lebte er in Australien, arbeitete in einer Stranddisco. „Aber ich musste irgendwann wieder weg. Der Freiheitsdrang ist einfach zu groß“, sagt er. Freiheit – dieses Wort hört man häufig in der Obdachlosenszene.

Guido Göddertz hat dafür ein Beispiel: „Vor ein paar Monaten hatte ich eine Freundin und Wohnung in Kassel. Da ist mir aber die Decke auf den Kopf gefallen. Ich mag es nicht, eingeschlossen in vier Wänden zu leben.“ Stattdessen hängt er lieber mit seinen Kumpels rum, lebt sein eigenes Leben.

Ihm gefällt’s, mit Hund und Einkaufswagen („Mein Assi-Mercedes“) durch die Städte zu ziehen. Sein schönstes Erlebnis: die Geburt seiner heute vierjährigen Tochter. Die Mutter starb nach der Geburt. Seine Tochter lebt heute bei der Großmutter in Polen.

Kurzclip: So schützt sich Klaus Lemke vor der Kälte

Sehen kann er sie so gut wie nie. Wäre die Tochter nicht eine Motivation ein anderes Leben zu beginnen? „Mir gefällt es auf der Straße, auch wenn ich meine Tochter vermisse.“

Als Tagessatz stehen Obdachlosen in Kassel 12,30 Euro zu. Alles weitere erschnorren sich die Punker. Göddertz: „In Kassel haben wir mit einer Gruppe von sieben Punks in drei Stunden 250 Euro erbettelt.“ Er nennt seine Punker-Gemeinschaft „Reisegruppe Elend“.

Ein alter Hase auf der Straße ist Klaus Lemke (62). Der gebürtige Berliner lebt seit dem 15. Juni 1989 auf der Straße. Dem Tag seiner Scheidung. Auch er hat kein Problem mit der Kälte. „Es ist eine trockene Kälte. Bei nasser Kälte wird es kritisch“, sagt er.

Er kommt viel rum in Deutschland, trifft auf der Straße viele Leute. „Einige erzählen, sie können alles und wissen alles. Dabei können sie noch nicht einmal den Satz des Pythagoras“, sagt Lemke, der in seinem ersten Leben Werkzeugmacher und Versicherungskaufmann war.

Das Leben auf der Straße sei im Laufe der Jahre gefährlicher geworden. Dreimal wurde er bereits überfallen. Damit soll bald Schluss sein. Im Oktober wird er 63 Jahre alt und hat damit Anspruch auf Altersruhegeld. „Dann beginnt mein drittes Leben“, sagt er, schnappt sich seine Sachen und macht wieder auf Platte.

Von Daniel Schneider

Rubriklistenbild: © Schneider

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