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„Kirche geht in die Knie“

Der HNA-Lesertreff zum Thema Missbrauch zeigte, wie nötig Veränderung ist

„Kirche geht in die Knie“

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Kassel. Den längsten und lautesten Applaus erntete gestern ein Diskussionsteilnehmer aus dem Publikum. „Wir brauchen eine Kirche, die sich kritischen Fragen stellt“, sagte Jürgen Wagner aus Kassel ins Saalmikro. „Das ist sie den Gläubigen schuldig.“

„Die Kirche hat sich unglaubwürdig gemacht, weil sie den Menschen aus dem Blick verloren hat.“

„Die Kirche hat sich unglaubwürdig gemacht, weil sie den Menschen aus dem Blick verloren hat.“

Beim HNA-Lesertreff zum Thema „Missbrauch und Kirche“ im Kasseler Kulturbahnhof wurde schnell deutlich, dass die katholische Kirche vor einem Umbruch steht - dass sie nach der Flut von bekannt gewordenen Missbrauchsfällen gar keine andere Wahl hat. Auf den Punkt brachte es der Theologe und Psychologe Wunibald Müller, der im Kloster Münsterschwarzach mit Priestern in Krisen arbeitet. „Die Kirche geht selbst in die Knie, nachdem sie von der Öffentlichkeit in die Knie gezwungen wurde“, sagte er.

Auch der Generalvikar des Bistums Fulda räumte vor den 350 Zuhörern ein, dass sich Würdenträger durch ihr Schweigen und Wegesehen bei Missbrauchsfällen schuldig gemacht hat.

„Ich würde heute anders entscheiden“, sagte Stahnke im Bezug auf die Missbrauchsvorwürfe gegen einen Homberger Priester. Dieser war nach einer Strafe wegen sexueller Belästigung versetzt worden und soll in Weimar eine Messdienerin missbraucht haben. Trotzdem durfte er bis vor Kurzem Vertretungsgottesdienste in Naumburg halten.

Dass die systematische Vertuschung von Missbrauchsfällen ein Ende haben muss, darin waren sich die vier Diskussionsteilnehmer einig. Sigrid Laakmann von der katholischen Laienbewegung „Wir sind Kirche“ nannte das Aufbrechen von verkrusteten Strukturen als erste Voraussetzung zum Neuanfang. Dazu gehöre auch der Abschied von der rigiden Sexualmoral, die mit dem heutigen Leben der Menschen nichts mehr zu tun habe.

Obwohl Wunibald Müller darauf hinwies, dass die Abschaffung des Zölibats das Problem nicht löse, wurde eine breite Zustimmung für die Abschaffung der auferlegten Enthaltsamkeit deutlich - im Publikum und auf dem Podium. „Ich glaube, dass ich die Abschaffung noch erleben werde“, sagte Müller, der gleichzeitig einen toleranteren Umgang mit Homosexualität und Geschiedenen forderte.

Das Thema Prävention lag besonders Stephan Hoffmann am Herzen - aus ganz persönlichen Gründen, denn der Regisseur aus Berlin ist selbst Opfer. Er wurde 1976 an einer katholischen Schule in Amöneburg bei Marburg missbraucht. Hoffmann glaubt, dass die verschärften Leitlinien der Kirche im Umgang mit Missbrauch ein guter Anfang sind. „Wir müssen sie nur ganz rigoros anwenden“, sagte er. „Erst dann machen wir es den Tätern nicht so leicht.“

Von Saskia Trebing

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