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Nachwuchs ist oft Störfaktor im Alltag

Erziehungswissenschaftler Prof. Thole fordert im Interview mehr Aufmerksamkeit für Heranwachsende

Nachwuchs ist oft Störfaktor im Alltag

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Ist unsere Gesellschaft tatsächlich so kinderunfreundlich, wie es die Mütter erleben? Oder ist das bloß eine subjektive Wahrnehmung?

Einer, der das beantworten kann, ist Prof. Werner Thole von der Universität Kassel, der seit Kurzem Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft ist.

Mögen wir wirklich keine Kinder?

Prof. Werner Thole: Empirisch wissen wir noch wenig darüber. Aber es ergibt sich ein zweigeteiltes Bild: Auf der einen Seite räumen wir den Kindern einen hohen Stellenwert ein. Wir sprechen von ihnen als Ressource für die Gesellschaft. Im Alltag findet sich diese Wertschätzung aber nicht wieder. Wir haben keine Aufmerksamkeitskultur für Kinder. Das heißt, jeder ist so sehr mit sich selber beschäftigt, dass Kinder in diesen Alltagsroutinen eher als störend empfunden werden: Egal ob beim Einkaufen oder Zugfahren. Ich würde aus der mangelnden Sensibilität aber keinen Vorwurf formulieren, es ist eher ein Resultat einer sich verändernden Gesellschaft.

Wo liegen die Ursachen?

Thole: In Deutschland ist das Leben der verschiedenen Altersgruppen sehr stark voneinander getrennt. Auch räumlich: Wir haben eigene Einrichtungen und Veranstaltungen für Kinder, für Erwachsene, für Senioren. Das gilt für den Kultur- und Sportbereich, aber auch für gesellschaftliche Ereignisse. Die Restaurants und Cafés etwa gehören den Erwachsenen. Wenn Deutsche essen gehen, wollen sie ihre Ruhe. Und Kinder durchbrechen diese Grenze gerne einmal.

Wie ist das in anderen Ländern?

Thole: Andere Kulturen, beispielsweise in Südeuropa, sind integrierender, was die Altersschichten angeht. Natürlich hat es auch Vorteile, Kinder in separierten Bereichen zu fördern - aber es gibt eben auch diese Schattenseiten.

Hat die mangelnde Aufmerksamkeit für Kinder etwas mit der sinkenden Geburtenrate zu tun?

Thole: Natürlich hat die Botschaft, die eine Gesellschaft über ihren Umgang mit Kindern aussendet, Einfluss auf den Kinderwunsch. Darüber hinaus sind auch grundlegende Veränderungen verantwortlich: Etwa das gewandelte Geschlechterverhältnis von Mann und Frau mit der damit verbundenen beruflichen Orientierung der Frauen.

Was kann die Politik tun, um unsere Einstellung zu Kindern positiv zu beeinflussen?

Thole: Sie kann Kindertagesplätze und Betreuungsangebote für unter Dreijährige ausbauen. Mütter brauchen bessere Möglichkeiten, damit sie leichter in den Beruf zurückkehren können, und für Männer sollten die Väterzeiten ausgedehnt werden. All das sind kleine Pflänzchen, die Kinder wieder ein Stück in den Alltag zurückholen.

Warum sollten wir das tun?

Thole: Für Eltern sind Kinder schlicht eine Bereicherung. Gerade ältere Menschen würdigen Kinder wieder stärker, sie finden die nötige Ruhe und Empathie. Aus der Perspektive der Kinder ist es förderlich, wenn sie am Leben der Erwachsenen partizipieren und in deren soziale Netzwerke eintauchen.

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