6129.03.1029.03.10|Kassel|30 Kommentare
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Kassel. Mit spitzen Fingern hält ein Kasseler HNA-Leser einen verschmutzten Zettel in der Hand, um ihn bei der Zeitungsredaktion abzugeben. „So etwas sollte man nicht auf der Straße finden“, sagt er betroffen.
Der Mann hat Recht: Der DIN-A-4 Zettel enthält die Patientenliste samt Diagnosen für eine psychiatrische Station. Unsere Recherche ergab dabei rasch, dass es sich um eine psychiatrische Station des Klinikums Kassel handelt.
21 Namen von Männern und Frauen, deren Geburtsdaten, die Zimmernummern und die Aufnahmediagnosen wie paranoide Depression, dissoziale Persönlichkeitsstörung, paranoide Schizophrenie, wahnhafte Störung, Angststörung oder Borderline-Syndrom sind auf dem Zettel mit dem Datum vom 24. März dieses Jahres nachzulesen. Dieser lag, zusammengefaltet und schon leicht lädiert, auf dem Gehweg der Wilhelmshöher Allee in der Nähe der Ingenieurschule.
Bei der Liste handele es sich um ein Arbeitsmittel, das ausschließlich innerhalb der Klinik genutzt werde und das Ärzte und Pflegekräfte der Station für die Visiten und Übergaben verwenden, erläutert Klinikum-Sprecherin Gisa Stämm. Auf die Nachricht, dass eine solche Liste auf einer öffentlichen Straße in Kassel gefunden wurde, reagierte die Geschäftsführung des Klinikums betroffen.
Nach intensiven Recherchen gehen die Leitung der Abteilung sowie die Geschäftsführung davon aus, dass es sich um menschliches Versagen einer einzelnen Person handelt, heißt es in einer offiziellen Stellungnahme. „Die Beteiligten können nicht nachvollziehen, wie es dazu kommen konnte.“ Erklärbar sei dieser Vorfall lediglich dadurch, dass ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin die Liste versehentlich nicht - wie vorgeschrieben - im Datenmüll entsorgt, sondern sie in einer Kleidungstasche vergessen und später aus Unachtsamkeit verloren habe. „Die Beschäftigten der betroffenen Station, die Leitung der Abteilung und die Geschäftsführung bedauern diesen Fall von menschlichem Versagen außerordentlich, weil der Einhaltung der Schweigepflicht und des Datenschutzes höchste Bedeutung beigemessen wird“, heißt es weiter.
Das Klinikum Kassel habe im vergangenen Jahr seine Datenschutzmaßnahmen erheblich ausgebaut und Zugriffsrechte auf Patientendaten massiv eingeschränkt. So könnten die Daten von Patienten nur von Mitarbeitern aufgerufen werden, die an der Behandlung beteiligt sind. „Prinzipiell kann jedoch trotz aller technischer Maßnahmen und Anweisungen menschliches Versagen nie ausgeschlossen werden“, räumt Gisa Stämm ein.
In diesem Fall ist die Geschichte gut ausgegangen, weil ein verantwortungsvoller Bürger den Zettel mit dem brisanten Inhalt in der HNA-Redaktion abgegeben hatte. Und die Redaktion wird die Patientenliste selbstverständlich vernichten.
Von Martina Heise-Thonicke

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