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Sorge ums Arztgeheimnis

Interview zur elektronischen Gesundheitskarte mit Mediziner Dr. Stefan Pollmächer

Sorge ums Arztgeheimnis

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Kassel. In diesem Monat beginnen die Krankenkassen damit, die neue elektronische Gesundheitskarte an Millionen gesetzlich Versicherte auszugeben. Die in Kassel ansässige Ärztegenossenschaft Doxs mit 336 Mitgliedern in Nordhessen übt scharfe Kritik an der Karte, die künftig Zugriff auf elektronisch gespeicherte Patientendaten ermöglichen soll. Wir sprachen mit Doxs-Vorstandsmitglied Dr. Stefan Pollmächer.

Schlüssel zu Patientendaten aus dem Netz: Die Krankenkassen haben mit dem Versand der elektronischen Gesundheitskarte an Millionen gesetzlich Versicherte begonnen. Foto:  dpa

Schlüssel zu Patientendaten aus dem Netz: Die Krankenkassen haben mit dem Versand der elektronischen Gesundheitskarte an Millionen gesetzlich Versicherte begonnen. Foto:  dpa

Für Millionen Menschen ist es heute selbstverständlich, ihre Geldgeschäfte mit Bankkarten sowie im Internet abzuwickeln. Was spricht dagegen, solche Systeme auch für den Informationsaustausch bei Arztbehandlungen zu nutzen?

Pollmächer: Was den Informationsfluss zwischen Ärzten betrifft, ist dagegen sicher nichts einzuwenden – das wird ja auch heute schon gemacht. Das Problem ist, dass für das neue Kartensystem sämtliche Daten unserer Patienten in einem Zentralrechnerverbund gespeichert werden sollen.

Welches Risiko sehen Sie?

Pollmächer: Im Internet können Sie streng geheime Daten von Pentagon, FBI oder Botschaften inzwischen frei zugänglich nachlesen. Dann sind persönliche Gesundheitsdaten dort erst recht nicht sicher. Wenn bundesweit 120 000 Menschen in Praxen, Kliniken und Apotheken Zugriff auf den Zentralrechner haben, dann ist es nur die Frage eines falschen Tastendrucks oder der entsprechenden Bezahlung, bis Daten in falsche Hände kommen.

Bringt der schnelle Zugriff auf Patientendaten nicht auch Vorteile für Diagnose und Behandlung mit sich?

Pollmächer: Schon heute laufen ja alle Facharztbefunde und Klinik-Berichte beim Hausarzt zusammen; dazu braucht es die Karte nicht. Unser Problem ist ein anderes – nämlich, dass es zum Teil Wochen dauert, bis solche Befunde überhaupt geschrieben werden. Da kann man die Postlaufzeit von einem Tag getrost vernachlässigen.

Ihre Ärztegenossenschaft sagt, die elektronische Patientenkarte habe keinen medizinischen Nutzen und bringe in den nächsten zehn Jahren auch keine Einsparungen. Wie begründen Sie das?

Pollmächer: Das sagen nicht wir, sondern die Beratungsfirma Booz Allen Hamilton in einer Studie für die Bundesregierung, die zunächst unter Verschluss gehalten wurde. Diese Daten lagen auf einem Server mit wesentlich höherer Sicherheitsstufe, als sie für die Patientenkarte vorgesehen ist. Wenig später hatte der Chaos Computer Club die Datenbank geknackt und die Studie ins öffentliche Netz gestellt. Dazu kann sich jetzt jeder seinen Teil denken.

Wer also hat von der Karte einen Nutzen?

Pollmächer: Für die IT-Industrie ist das ein Wirtschaftsförderprogramm erster Klasse. Einen Nutzen haben auch die Krankenkassen, denn ein großer Teil ihrer Versichertendatenpflege wird in die Arztpraxen verlagert – mit der Folge, dass wir weniger Zeit für unsere Patienten haben werden.

Wird es noch weitere Veränderungen der Arbeitsabläufe in den Arztpraxen geben?

Pollmächer: Wir werden abhängig von einem lückenlosen Funktionieren der Datenübertragungswege sein. Wenn es da mal technische Probleme gibt, werden uns die gesamten Vorbefunde fehlen, und Zehntausende Ärzte in Deutschland können nicht arbeiten. Meine größere Sorge aber ist, dass die Karte das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient untergräbt. Wer nicht mehr sicher sein kann, ob seine Angaben im geschützten Raum der Praxis bleiben, der wird sich womöglich mit wichtigen Auskünften zu seinem Befinden und seinen Lebensumständen zurückhalten. Für den Arzt wird es dann schwierig, eine verlässliche Diagnose zu stellen.

Was raten Sie den Patienten?

Pollmächer: Sie sollten sich genau informieren, was da auf sie zukommt. Und sie sollten sich überlegen, ob sie so etwas haben wollen – und ob sie für die Karte ein Foto einschicken, das ihre Kasse von ihnen anfordern wird. Es ist übrigens keinerlei Überprüfung vorgesehen, ob der Mensch auf dem Bild tatsächlich auch der Krankenversicherte ist. So viel zum Thema Fälschungssicherheit.

Haben manche Akteure im Gesundheitswesen möglicherweise Angst vor zu viel Transparenz, was ihre erbrachten Leistungen angeht?

Pollmächer: Die Frage ist berechtigt. Allerdings gehören Ärzte zu den am besten überwachten Berufsgruppen im Land; alle unsere Abrechnungs- und Diagnosedaten werden mehrfach auf Plausibilität überprüft. Das wird man durch die elektronische Gesundheitskarte kaum noch erhöhen können.

Von Axel Schwarz

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