„Stadt verschläft Chance“

Ortsvorsteher Joachim Schleißing im Interview über das Projekt „Stadtleben am Fluss“

„Stadt verschläft Chance“

912.03.1012.03.10|Kassel|5 Kommentare
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Unterneustadt. Es ist eines der wenigen Projekte, die die Bewerbung Kassels als Kulturhauptstadt Europas überdauert haben. Joachim Schleißing, im Jahr 2004 einer der Initiatoren von „Stadtleben am Fluss“ und Ortsvorsteher in der Unterneustadt, wird nicht müde, den Blick auf die Fulda und die angrenzenden Quartiere zu lenken. Im Interview spricht er über die Ziele.

Stadt am Fluss: Die Initiatoren des Projekts „Stadtleben am Fluss“ wollen die Fulda stärker in den Blick rücken. Links neben der Fuldabrücke ist das neue Finanzzentrum zu sehen, vorn die Karl-Branner-Brücke. Archivfoto:  Herzog/Charterflug Kassel/nh

Herr Schleißing, warum rühren Sie so ausdauernd die Werbetrommel für die Fulda?

Schleissing: Bislang hat man sich in dieser Stadt mehr damit befasst, wie man den Fluss überquert, aber nicht, wie man damit lebt. Das hat viele umgetrieben. Sie wollen die Fulda wieder in die Mitte holen. Konkret entstanden ist das Projekt im Dialog mit dem Landschaftsplaner Andreas Süßenguth, der auch in der Unterneustadt lebt. Bei zwei Bürgertreffen im Willi-Seidel-Haus hat sich herausgestellt, dass viele unzufrieden sind und wir etwas tun müssen.

Welche konkreten Ziele verfolgen sie?

Schleissing: Wir haben drei Schwerpunkte: bessere Wegebeziehungen an und über die Fulda, die Öffnung der angrenzenden Quartiere zum Fluss und die Förderung von temporärer Kunst im öffentlichen Raum. Ein viel diskutiertes Anliegen waren auch die vergessenen Orte, die wir Oberbürgermeister Bertram Hilgen nach seinem Amtsantritt vorgetragen haben. Auf unsere Anregung hin ist dann die Fuldapromenade entstanden. Nun setzen wir darauf, dass der Radweg 1 beim Bau der Hafenbrücke auf Unterneustädter Seite kreuzungsfrei geführt werden kann.

Was sind vergessene Orte?

Schleissing: Das sind Orte wie zum Beispiel der Kasseler Hafen, die Kasematten im Willi-Seidel-Haus, das Rondell und der Grünzug an der Ahne-Mündung. Bei manchen Orten wie der Losse-Mündung ist es gut, dass sie vergessen sind und Schutzräume für die Natur bleiben.

Gibt es weitere Ziele?

Schleissing: Wir wollen den Pferdemarkt mit dem Hafenviertel verbinden. Die Elisabeth-Selbert-Brücke ist für uns deshalb weiter ein Thema. Wir sind dankbar, dass das Innenstadtkonzept bis zur Fulda erweitert wurde. Noch besser wäre es, wenn man die Fulda einbezogen hätte.

Zuletzt haben Sie das Projekt „Stadtleben am Fluss“ dem Ortsbeirat Wolfsanger vorgestellt. Wie kam es dazu?

Schleissing: Wir sind eingeladen worden. Der Architekt Christof Nolda, der für die Grünen im Ortsbeirat sitzt, ist der Auffassung, dass Wolfsanger nicht mit dem Fluss lebt. Wir haben überlegt, wie man eine Verbindung hinbekommen könnte. Eine Vision ist, die Fulda wieder als Verkehrsweg zu entdecken. Aber das ist Zukunftsmusik und schon wegen der fehlenden Anlegestellen mit einem hohen finanziellen und planerischen Aufwand verbunden.

Wie sieht es mit Unterstützung aus?

Schleissing: Das Interesse im Stadtteil ist groß. Die Ortsbeiräte Südstadt und Wesertor haben uns ebenso aktiv unterstützt wie der Ortsbeirat Unterneustadt. Mit Kunstprojekten wie der Mauerkrone und den kunstvoll bemalten Haustüren haben wir Aufmerksamkeit erweckt. Wir pflegen eine enge Zusammenarbeit mit der Uni, auch beim Thema Stadtentwicklung.

Wo gibt es noch Defizite?

Schleissing: Es fehlt ein Leitsystem an der Fulda, damit Radwanderer und Fußgänger sich besser orientieren können. Die Stadt am Fluss wird von Radwanderern nicht wahrgenommen. Die Stadt verschläft hier eine Chance. Radfahrer sind auch Konsumenten und somit ein Wirtschaftsfaktor. Das Leitsystem müsste auf Sehenswürdigkeiten im Umfeld wie das Kurbad Jungborn, das Rondell und die Markthalle aufmerksam machen. Es fehlt auch ein direkter Zugang zur Fulda, wie er mit einem Fluss-Bad oder Badefloß möglich wäre. Doch diese Chance hat man bei der Planung des neuen Auebades leider verpasst.

Von Ellen Schwaab

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